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Wir streiken! Ein Tagebuch während des Kita-Streiks

Heike Heilmann

05.09.2015 Kommentare (0)

Der bundesweite Tarifstreit um eine Aufwertung sozialer Berufe hat sich zu einer sozialen Bewegung ausgeweitet. Die Wellen dieser sozialen Bewegung erfassten Erzieherinnen und weckten deren politisches Bewusstsein nachhaltig auf. Solidarisch traten zahlreiche Kolleginnen den beiden Gewerkschaften ver.di und GEW bei. Für viele Eltern und Träger kam die große Streikbereitschaft innerhalb der Kita-Landschaft völlig unerwartet. Der Streik hat viele Gesichter – eines davon zeigt das folgende Beispiel!

"Wollt ihr mehr haben?"

Tag 1

Ein ganz normaler Donnerstag in einer fünfgruppigen Kita einer südhessischen Kleinstadt. Nachdem einige Eltern nachfragen, ob der derzeitige Tarifstreik im sozialen Bereich, der bereits in anderen Teilen Deutschlands tobt, auch ihre Kita betreffen könnte, berät sich das Team untereinander. Das Team verständigt sich darauf, sich in den Medien zu informieren und sich am Folgetag über die Haltung zum Thema Streik abzustimmen.

Tag 2

Nach einem morgendlichen Austausch über das Für und Wider der bundesweiten Streiks, entscheiden sich die Kolleginnen geschlossen dafür, die Streikenden solidarisch unterstützen zu wollen – wohl wissend, dass sie über keinerlei eigene Streikerfahrungen verfügen. Jede Kollegin tritt einer der beiden Gewerkschaften bei. Das funktioniert dank Internet reibungslos und einfach. Weniger einfach ist die Frage, wie man als Kita mit einem Streikaufruf umzugehen hat. Es ist Freitag und das Team startet – nun gewerkschaftlich organisiert – in das Wochenende.

Tag 3

Samstags kam der Streikaufruf von ver.di mit der Post. Die Aufregung war enorm. Was ist nun zu tun?
Die Eltern und der Träger wurden montags darüber informiert, dass die Kita ab dem nächsten Tag bestreikt wird. Es musste eine Notbetreuung organisiert werden. Die Telefone glühten heiß, die Eltern zeigten sich verärgert, Tipps von Gewerkschaften wurden eingeholt, eine außerordentliche Mitarbeiterversammlung aller Partner-Kitas wurde für den Abend anberaumt. Daraus resultierte, dass sich auch Kolleginnen aus anderen Kitas am Streik beteiligen wollten, allerdings erst in ein paar Tagen. Das Streikbüro fand seine Heimat in der zuerst bestreikten Kita, nachdem Träger und Gewerkschaften ihr Okay dazu signalisiert hatten.

Tag 4

Es folgt der erste Streiktag der Kita. Rasch ist man sich einig, einen Signalmarsch durch den Ort veranstalten zu wollen. Die Menschen sollen sehen, dass die Streikwelle auch hier in der beschaulichen Kleinstadt angekommen ist. Das Team will Flagge zeigen. Die 15 Kolleginnen werden kreativ, beschriften Regenschirme, Plakate und Stoffbahnen mit ihren Streikslogans. Trillerpfeifen, Trommeln, Megaphon und dekorierte Fahrräder und Kinderwägen kommen zum Einsatz als die kunterbunte Truppe zum ersten Mal in ihrem Leben für ihre Berufsgruppe demonstriert! Eine Woge der Euphorie und des politischen Engagements verbindet die Kolleginnen miteinander – Gänsehautfeeling!

Wir fühlen und mutig und stark!

Tage 4 bis 13

Die folgenden Tage sind vollgepackt mit neuen Erfahrungen und Erlebnissen.
Obschon andere Kitas im Ort sich am Streik beteiligen, fühlen sich die Eltern von ihren Erzieherinnen im Stich gelassen.
Die Notbetreuung wird durch den Träger zunehmend besser organisiert, dennoch hagelt es Regressansprüche durch verärgerte Eltern.
Die Erzieherinnen versuchen durch Elternveranstaltungen auf ihre Belange aufmerksam zu machen. Anfangs gelingt die Kommunikation mit den Eltern nur schwer, die unterschiedlichen Positionen zum Thema Streik verhindern einen konstruktiven Austausch. Auch mit dem Träger der Kitas gestaltet es sich schwierig.
In dieser Extremsituation „Streik" durchlaufen alle Beteiligten Lernprozesse unterschiedlicher Art:
Eltern lernen, sich untereinander zu vernetzen und nach individuellen Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder zu suchen.
Der Träger der Einrichtung lernt, wie er am besten eine Notbetreuung für berufstätige Eltern ohne alternative Betreuungsmöglichkeiten aufbauen und durchführen kann.
Die Teammitglieder lernen, sich politisch zu engagieren und gemeinsam für ein Ziel einzustehen.

Alle gemeinsam lernen, mit ihren Interessenkonflikten umzugehen. Auf der einen Seite sind Eltern und Träger, die eine geöffnete Kita wünschen. Auf der anderen Seite sind Mitarbeiterinnen, die ihr Streikrecht wahrnehmen wollen. In dieser angespannten Situation ruhige Nerven zu behalten und in einem freundlichen Umgang zu bleiben, ist sehr schwierig. Es wird auch eine Zeit nach dem Streik geben, darum kann eine professionelle Aufarbeitung der Lernprozesse – eventuell durch einen Mediator - wichtig werden für die künftige Zusammenarbeit zwischen Träger, Kita und Familien.
Deutlich wird aber auf jeden Fall die enorme Wichtigkeit von Kita-Arbeit: die Familien organisieren ihr Leben rund um die Betreuung durch eine Kita, ihr berufliches und soziales Leben bricht regelrecht zusammen, wenn die Kita nicht „wie normal" geöffnet hat.

Teilweise liegen die Nerven blank, teilweise entstehen supertolle Eigeninitiativen und Kooperationen. Eltern entdecken ihre kreativen Seiten, manche Arbeitgeber erweisen sich als familienfreundlich und bieten ihren Eltern, die vom Streik betroffen sind, Unterstützung an. Eltern laden Erzieherinnen zu Spielplatztreffen mit den Kindern ihrer Gruppe ein, erste Gespräche entwickeln sich in eine versöhnlich-verständnisvolle Richtung.

An jedem einzelnen Streiktag gewinnen Team, Träger und Eltern an Streikerfahrung. Aus einer kleinen Gruppe einer einzelnen Kita sind in der Kleinstadt ist die Anzahl auf 45 Streikende angewachsen. Man sicherte sich die Unterstützung der Gewerkschaften und konnte bei einer Kundgebung vor dem örtlichen Rathaus 200 Teilnehmer zählen.

Kundgebung auf dem Rathausplatz

Im Streikbüro entstand gelebte Demokratie. Die Streikenden diskutierten, bildeten Arbeitsgruppen, verfassten Pressemitteilungen, luden Politiker, Eltern und Träger zu Gesprächen ein. Eine enge Vernetzung mit den hessischen Gewerkschaftsvertretern entstand. Den Kindern wurde ein eigens für sie konzipierter Streikbrief in den Briefkasten überbracht, der ihnen die Situation erklärte. Man vernetzte sich mit anderen bestreikten Einrichtungen, organisierte Transfers und die Teilnahme an Großveranstaltungen in Gießen und auf dem Frankfurter Römer. Und gerade diese Großveranstaltungen motivierten die Kolleginnen. Das Gefühl, Teil eines großen Ganzen zu sein, wurde umso wichtiger, je massiver man der Kritik durch Träger, Eltern oder Politik ausgesetzt war.

Bildung ist Mehrwert!

TAG 14 und danach

Auf die Frage hin, ob sich das Team nochmals an einem Streik beteiligen würde, kommt ein klares und bewusstes JA.
JA:

  • Wir sollten besser verdienen!
  • Unsere Arbeit ist gesellschaftlich enorm wichtig!
  • Wir leben Kindern Demokratie vor!
  • Wir sind politisch engagiert!
  • Wir haben das Recht zu streiken!
  • Wir sind in der Lage, mit Kritik umzugehen und mit ihr zu leben!
  • Wir setzen uns für eine faire und soziale Gesellschaft ein!

Heike Heilmann, Erziehungswissenschaftlerin M.A., Leiterin des AWO-Kinderdörfels im südhessischen Viernheim, freiberufliche Autorin und Fortbildnerin mit Schwerpunkt Teamgesundheit und Teamhumor. Kontakt: www.heike-heilmann.de

Wir haben diesen Beitrag aus klein & groß Lebensorte für Kinder 09/15 mit freundlicher Genehmigung der Redaktion entnommen.

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