nachdenkliches Kind

Welchen Einfluss haben Michael Winterhoffs Behauptungen auf ErzieherInnen und den Alltag in Kitas genommen?

Angelika Mauel

04.09.2021 | Fachbeitrag Kommentare (1)

Ein Dokumentarfilm von Nicole Rosenbach erhebt schwere Vorwürfe 

Deutschlands Bestseller schreibender Psychiater soll oft und zu lange seiner Klientel hoch dosierte Medikamente verschrieben haben. Heimkinder und andere ehemalige PatientInnen, Eltern, PädagogInnen und PsychiaterInnen meldeten sich zu Wort. Nun werden Winterhoffs Diagnosen – ganz oft „frühkindlicher Narzissmus“ - und vieles mehr kritisiert. Es heißt, dass er genitale Untersuchungen durchgeführt hätte, was in seinem Fachbereich unüblich sei. Ehemalige Heimkinder bekunden, wie wenig Zeit Winterhoff für sie gehabt hätte. Es ging „ratzfatz“. Zu jeder Mahlzeit soll es im Heim vom Vertragsarzt verordnete Pillen gegeben haben. - Dabei äußerte Winterhoff sich im Fernsehen durchaus kritisch hinsichtlich des Einsatzes von Psychopharmaka. Wenn Kinder tyrannisch seien, solle es immer an den Eltern oder der Gesellschaft liegen.

Die Statements und die „Tyrannenbücher“ Winterhoffs, waren von Anfang an umstritten. Auch in Kitas.

Nicht selten waren es begeisterte, erschütterte oder hellauf empörte Eltern, die uns ErzieherInnen ein Buch für die Kita schenkten oder zur Ausleihe anboten. „Das müssen Sie unbedingt lesen“, hieß es. „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ polarisierte 2008 bundesweit – und ganz besonders in Bonn, wo Dr. Winterhoff praktizierte. Jahrelang wurde viel über ihn und jede seiner Neuerscheinungen geredet. Abwertend von Klatsch und Tratsch zu sprechen, würde den ernsthaften Gedanken von Eltern, Großeltern, PädagogInnen, BeraterInnen und KinderärztInnen nicht gerecht werden. Dass Dr. Winterhoff öfter Eltern riet, den Kontakt ihres Kindes zu geliebten Großeltern zu unterbinden, löste schon vor seiner ersten Buchveröffentlichung Irritationen aus. Auch dass er nicht mit Medikamenten geizte, wurde so nach und nach bekannter. ErzieherInnen und vor allem Kindergartenleitungen bekamen im Laufe der Jahre einiges zu hören. Hatten Eltern vor, ihr  Kind dem prominenten Arzt vorzustellen, wurden deshalb schon mal Bedenken geäußert oder abgeraten. Auch sahen wir nicht selten Grund, Eltern voller Überzeugung zu sagen. „Bitte machen Sie sich nicht so viele Sorgen!“ Es ist normal, dass eine Vierjährige nicht mehr wie früher Legespiele und Puzzles mag, sondern plötzlich auf dem Sofa springen und um den Esstisch rennen will. Und bei den Unmengen an Spielzeug, die viele Kinderzimmer überfüllen, ist es kein Wunder, dass das Aufräumen schwer fällt. - Lediglich eine Kindergartenleitung wusste mir auf Nachfrage für diesen Artikel von der positiven Rückmeldung einer Mutter zu berichten, der die Aussagen dieses Psychiaters ihres Kindes mehr geholfen hätten als alles, was frühere Therapeuten gesagt und getan haben. (Als Springerin erfuhr ich mehr als eine fest angestellte Kraft üblicherweise zu hören bekommt.)

Winterhoff blieb präsent in den Medien und war so erfolgreich, dass auch ErzieherInnen nicht nicht auf ihn reagieren konnten

Als Winterhoffs Erstling erschien, war in den Konzeptionen zahlreicher Kindergärten noch zu lesen, dass man kindzentriert arbeiten würde. Engagierte ErzieherInnen haben also genau das betont, was von „Dr. Allwissend“ publikumswirksam kritisiert wurde. Erwachsene sollten für Kinder erkennbar Erwachsene sein, sich nicht von ihnen „steuern“ lassen. Immerzu Wert darauf legen, vom Kind geliebt zu werden, sollten die Erwachsenen auch nicht. Die gut gemeinte Floskel von der „Kommunikation auf Augenhöhe“ bekam dank Winterhoff und einem einsetzenden Umdenken auch einen peinlichen Beigeschmack. Konzeptionen wurden hurtig „korrigiert“. Aus kindzentriert wurde kindorientiert. Das passte zu „zielorientiert“ und den kindorientierten Massnahmen.

Begeisterte Erzieherinnen setzten „den Winterhoff“ auf die Empfehlungsliste für den Weihnachtseinkauf der Eltern. Dennoch trachteten sie nicht danach, den Willen der Kinder zu brechen. Andere wollten den „reaktionären Schinken“ nicht in ihrer Kita haben. Der Auftrag, „Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden?“ für die Kita zu kaufen, wurde von einigen nach einen Anlesen in der Buchladen hinterfragt. In einer gemeinnützigen Kinder- und Jugendbuchhandlung in Bonn, in der auch Elternratgeber und Fachliteratur für ErzieherInnen verkauft werden, lagen Winterhoff-Bücher nicht im Verkaufsregal. Lediglich auf Kundenwunsch hin wurde bestellt. 

Sendepause für Winterhoff? - Wie wird es weitergehen?

„Wir Medien haben ihn groß gemacht“, heißt es zu Beginn des Films von Nicole Rosenbach und Ausschnitte aus beliebten Talk-Shows verdeutlichen, wie präsent Winterhoff über viele Jahre war. Nun wurde er angezeigt. Der Ablauf von Verjährungsfristen und die Therapiefreiheit der Ärzte werden später noch zum Thema werden, aber gewiss nicht mehr derart medienwirksam aufgegriffen, wie die Herabsetzung des lange gefeierten Stars. Schon jetzt wird beanstandet, dass Winterhoff weiterhin Kinder behandeln kann (Quelle). 

„Erst wenn man die Spur des Geldes verstanden hat, hat man das System verstanden“, heißt es bei Herbert Renz-Polster (Quelle). Eigennützige Interessen dürften auf mehr als nur einer Seite auszumachen sein. Vielleicht war Winterhoff mit seiner demonstrativ selbstsicheren Art nur ein besonders dynamisches Rädchen im Getriebe eines Systems, in dem Rücksicht auf die Schwächsten nicht angesagt ist. Ein Trendsetter, der konservatives Gedankengut und die Wissenschaft verhöhnende, unbelegbare Fake news „zum Besten gab“, weil stillere Stimmen in der Medienlandschaft nicht viel zählen. 

Einige Träger und Jugendämter haben nach der Ausstrahlung des Films von Nicole Rosenbach die Zusammenarbeit mit dem Psychiater ruhen lassen oder gekündigt. Zuvor hatte Winterhoff gute Kontakte zu Ämtern und Gerichten. Eltern und ihre Kinder hatten das Nachsehen. Inwieweit haben Heime, Träger und Jugendämter – angesichts eines chronischen Fachkräftemangels drängt sich die Frage auf – von Sedierungen der Kinder profitiert? Kinder sollen nach der Einnahme von Medikamenten mit zahlreichen Neben- und Nachwirkungen „wie Roboter“ gewirkt haben (Quelle). 

Dass die Probleme traumatisierter Kinder in Kinderheimen nicht immer bewältigt werden können, hat 2019 der Film „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt (Quelle) eindrucksvoll gezeigt. Der Alltag ist schlimmer als im Film, sagte sie. 

Nicht alle haben Unbehagen und Zweifel angesichts von Winterhoffs Behandlungen ignoriert

Die nahe Bonn gelegene Stadt Siegburg teilte auf Anfrage des Bonner Generalanzeigers mit, dass der Allgemeine Soziale Dienst sich „seit vielen Jahren von den Praktiken des Dr. Michael Winterhoff distanziere“. So wurden und werden keine Einrichtungen belegt, von denen eine Zusammenarbeit mit Dr. Michael Winterhoff bekannt ist. (Siehe GA vom 17.8.21, Seite 5). Viele andere in Institutionen verantwortliche Menschen aber müssen sich nun der Frage stellen, ob es sein kann, dass Dr. Winterhoff im großen Stil Kinder unzureichend untersucht oder falsch begutachtet oder behandelt hat. Gab es früher schon Beschwerden? Wie oft wurde Eltern oder Pädagogen nicht geglaubt, obwohl sie vielleicht ein feines Gespür hatten? Sowohl Lehrer als auch Erzieher pflegen ein besonderes Augenmerk auf Heimkinder zu haben. - Extreme Müdigkeit, motorisches Ungeschick und Gewichtszunahmen fallen auf. Kinderzeichnungen, Aufsätze und Rollenspiele bringen uns zum Nachdenken. 

Einzelne waren nicht nur misstrauisch. Sie wurden aktiv

Karin Staab, Inhaberin einer Praxis für Kinder- und Jugendtherapie, hat als Vormünderin eines Heimkindes mit Erfolg und gegen Winterhoffs Widerstand auf einem Zweitgutachten zu seiner Diagnose bestanden. Sie wurde vom Jugendamt und vom Amtsgericht unterstützt (Quelle). Winterhoff wollte sie entpflichten lassen.

Eine misstrauische Großmutter schrieb einen Brief. Die Mutter eines Heimkindes klagte gegen Winterhoff und verlor auf dessen Betreiben das Sorgerecht. Rechtsanwalt Patric Peters äußert sich im Film zum Verfahren. Fragen über Fragen stehen im Raum. Wird darüber im übertragenen Sinn endlich „ein Stein ins Rollen kommen“ - oder begnügt sich die Gesellschaft damit, es nur unterhaltsam zu finden, wie ein lange hofierter „Experten“ in den Ruhestand  „gesteinigt“ wird?  

Erwarten wir von Journalisten, dass sie Ausdauer ohne Ende entwickeln! An die vielfältigen Probleme in der Kinder- und Jugendhilfe muss mit Sachverstand und voller Engagement herangegangen werden. Ob wir noch erfahren werden, wer bereits früher zu Winterhoffs Arbeit als Psychiater für Kinder und Jugendliche recherchiert hat?  - Was hatte es eigentlich mit den Intelligenztests auf sich, die er veranlasst hat? Wurde die Intelligenz der Kinder regelmäßig getestet, weil das von Winterhoff oft verschriebene Pipamperon fatale Nebenwirkungen entfalten kann? Seit wann sind regelmäßige Intelligenztests bei Heimkindern in Gruppen üblich? - Nicht alles, was die Erziehung der Heimkinder teurer macht, macht sie besser.

Herbert Renz-Polster hat bereits die Frage gestellt, ob Dr. Winterhoff unantastbar ist (Quelle) und aufgezeigt, dass mit Widerstand gegen eine Aufklärung zu rechnen ist.

Die „Erfolgskurve“ ist abgeflacht

Seine Teilnahme am diesjährigen Deutschen Kitaleitungskongress hat Michael Winterhoff zurückgezogen. Ob die vielen KindergartenleiterInnen und die wenigen Kindergartenleiter ihm wie sonst üblich auf dem DKLK applaudiert hätten? Oder hätte es eine Demonstration gegeben wie zur Eröffnung in Düsseldorf? Nachdem eine eingespielte Videobotschaft von Landesfamilienminister Joachim Stamp zu Ende war, verweigerten die Anwesenden den Applaus (Quelle).

Ein beredtes Schweigen. Vielleicht spüren die im Erzieherberuf in der Praxis arbeitenden Menschen, dass sowohl PolitikerInnen als auch „Experten“ uns viel weniger über das Kindeswohl sagen können als die Kinder es auf ihre Art tun.

„Ich fand nur gut, dass Winterhoff sich gegen offene Arbeit in Kindergärten ausgesprochen hat“, hörte ich mal eine Berufskollegin sagen. Man hatte ihr Team damit überrascht, dass man die offene Arbeit vorschrieb. Die Verschleierung des Personalmangels wurde den Eltern kaum bewusst. - Tatsächlich braucht man für eine gute offene Arbeit jedoch mehr Personal und nicht weniger. Doch Winterhoff war nicht aus pragmatischen, sondern aus zu seiner Ideologie passenden Gründen gegen die offene Arbeit. 

Was würden Kinder und Jugendliche zu den sie betreffenden Thesen und Ideologien sagen? Was ergäbe ein „Faktencheck“?

Was halten Jugendliche eigentlich davon, dass ein hoher Prozentsatz von ihnen angeblich nur über die emotionale Reife von Kleinkindern verfügen würde? Fünfzig oder sechzig Prozent sollen nach Michaels Winterhoffs grober Schätzung ausbildungsunfähig sein? Saß jemals ein Jugendlicher als Kontrahent zu Winterhoff in einer Talkshow?

Während des Homeschoolings hat sich gezeigt, dass die Digitalisierung den Kindern wohl kaum in dem Maß geschadet hat, wie Winterhoff es zu behaupten pflegt. Jugendliche engagieren sich – auch im Rahmen der Mediennutzung - im Klimaschutz, im Tierschutz und für Menschenrechte. Viele verstehen es, die Medien klug zu nutzen. In den im Juli überfluteten Gebieten wurden viele Transparente als Dank für die über Wochen geleistete spontane Hilfe junger Menschen aufgestellt. Die Helfer, dass waren vor allem SchülerInnen und StudentInnen, die spontan von weit her losgefahren sind, um Flutopfer tatkräftig zu unterstützen. Sie haben ihre Ferien genutzt. Junge Berufstätige haben unbezahlten Urlaub genommen um die Aufräum- und Säuberungsarbeiten zu bewältigen.  - Es handelte sich um die Generation, die nach 1995 geboren wurde... Die konkreten Angaben Winterhoffs werden von der Jugend immer wieder ad absurdum geführt. Schade, dass so vieles von den Winterhoff-Gläubigen frag- und klaglos hingenommen wurde. 

Dass Arbeitgeber seit vielen Jahren mitursächlich für die frühe Arbeitslosigkeit zahlreicher Schulabgänger sind, war kein Thema für Winterhoff und sein großes Publikum. Doch die „Spur des Geldes“ ist auch hier nicht zu leugnen. Bewerber mit Führerschein erhalten im Handwerk und anderen Betrieben bevorzugt eine Stelle. Viele Chefs wollen Vorschriften des Jugendschutzes nicht einhalten müssen, Deshalb landen seit Jahren viele minderjährige Schulabgänger in der Warteschleife namens Berufsorientierungsjahr oder Berufsgrundbildungsjahr. 

Winterhoff war lange umschwärmt und erhielt enorm viel Zustimmung

ModeratorInnen scheuten es nicht, Winterhoffs Bücher als „Pflichtlektüre“ zu bezeichnen. Eltern und Großeltern fühlten sich in der „Bildungspflicht“. Erzieherteams besuchten Winterhoffs Lesungen. Manche Fachkraft, die vorher noch nicht überzeugt war, war es danach. Seine Ausstrahlung wirkte. - Heute wird ihm Arroganz, Narzissmus und sogar Sadismus zugesprochen (Quelle / Quelle). Sein Charakter findet mehr Beachtung als die Frage „Warum konnten ihm und seinen Behauptungen nur so viele Menschen glauben? Sogar Fachkräfte! - Ist Kindererziehung eine derart überfordernde Aufgabe, dass Kinder als unsere Beherrscher empfunden werden? Haben Erwachsene Angst vor Kindern und trachten sie deshalb nach Strategien und Methoden, um sie unter ihre Kontrolle zu bringen? - Dabei müssen wir uns noch nicht einmal sicher sein, dass Kinder wirklich erzogen werden müssen, dass sie nicht ohne Druck und Kommandos gedeihen könnten. „Erziehung ist Beispiel und Liebe, sonst nichts“ hat Fröbel gesagt. Erleben ErzieherInnen in der Praxis nicht immer wieder, dass es auch bewundernswert entspannte Eltern gibt, die beispielsweise mit drei oder vier Kindern weniger Stress haben als andere mit einem?

Winterhoffs Einfluss auf den Alltag in Krippen und Kitas

Je präsenter Winterhoff im Fernsehen und auf YouTube war, um so bereitwilliger schien ausgerechnet der Nachwuchs im Erzieherberuf zu glauben, dass es angesagt sei, sich gegenüber Kleinkindern konsequent durchzusetzen. Es waren keine Einzelfälle: Krippenkindern wurde von PraktikantInnen verboten, ihr Schmusetier zum Sport oder zur Sichtstunde vor der Fachlehrerkraft mitzunehmen. In der Hoffnung auf eine möglichst gute Note pflegten einige (keinswegs alle!) „ihre Autorität“ auszureizen, um nicht als hilfloser Berufsanfänger dazustehen. Die Lacher und der Applaus, den Winterhoff in Fernsehstudios erntete, könnten Nachwirkungen gehabt haben. PraxisanleiterInnen jedenfalls steckten in einem Dilemma. Kommentarloses Zusehen war traditionell bei Sichtstunden üblich. - Die Notwendigkeit, beherzt einzugreifen aber wurde immer öfter nötig. „So viel Härte gegenüber Kleinkindern habe ich seit Jahren nicht mehr erlebt“, haben einige daheim oder bei der Verabschiedung der Fachlehrkraft gesagt.

Persönlicher Ehrgeiz von ErzieherfachschülerInnen, die unbedingt das Abitur während der Erzieherausbildung machen wollen als mögliche Ursache für manche Grobheit? Nach dem Abi bald studieren, bloß nicht im Kindergarten hängen bleiben! - Wir können es nicht wissen, aber manche Gedanken tauchen unwillkürlich auf. 

Alte Bestseller verschwanden, neue machten von sich reden

Michael Winterhoff hat angegeben, dass ihn Bernhard Buebs 2006 zum Bestseller gewordene Streitschrift „Lob der Disziplin“ zum Schreiben ermutigt hat. Die „Rolle rückwärts“ begann. Amy Chua gab uns als „Mutter des Erfolgs“ zu denken, „Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte“ ist „das erste in der westlichen Welt weithin rezipierte Erziehungsbuch, in dem die westliche Erziehung aus einer nicht-westlichen Perspektive kritisiert wird“ (Quelle). Amy Chuas Kritik am überschwänglichen, maßlos übertriebenen Loben der Kinder für einfache, ohne Anstrengung erbrachte Leistungen – verdient ein echtes Lob! Erziehungstile zu vergleichen, kann manche Erkenntnis bescheren.

Was wurde früher mit Begeisterung gelesen? Steve Biddulph – Die Geheimnisse glücklicher Babys“, „Die Geheimnisse glücklicher Kinder“, Jean Liedloffs „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“ oder „Die grüne Wolke“ von A.S. Neill... Diese Titel sind aus den Buchhandlungen verschwunden, während sich „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ sogar mit viel Erfolg an Kinderlose verkaufen ließ. Winterhoffs Bücher wurden zu einer Art Munition gegen Eltern. Winterhoff wurde im großen Stil zugestimmt. Nicht von den ihm gegenüber sehr kritischen Psychoanalytikern, aber von vielen Menschen auf der Straße. Fremde maßen sich an, Eltern im Beisein ihrer Kinder traditionelle Erziehungsratschläge „frei nach Winterhoff“ zu geben. 

Mittlerweile hat sich unsere Gesellschaft an Winterhoffs Gedankengänge gewöhnt

Viele ErzieherInnen wurden nach dem kometenhaften Erfolg und den ersten Auftritten Winterhoffs von Nachbarn, Bekannten, Verwandten um ihre Meinung zu „tyrannischen“, gnadenlos verzogenen oder „unmöglichen Kindern“ gefragt. Witze über „Helikoptereltern“ tauchten auf und haben immer noch Hochkonjunktur. Anders als sonst wollten Mitmenschen ausnahmsweise Geschichten von gestressten und genervten Erziehern und Lehrern hören. - Supervision hätte den arg Gestressten eine bessere Möglichkeit geboten, über das zu sprechen, was sie belastet und bedrückt hat. - Doch Supervision wird nicht nach Bedarf angeboten. Zu teuer – wie so vieles in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. 

Es gibt zu denken, dass der Skandal so viele Jahre auf sich warten ließ!

Unter seinem Namen bekundete Bernd Kinder, Diplompsychologe und psychologischer Psychotherapeut in der Erziehungsberatungsstelle der Caritas auf Zeit online in einer Diskussion „Ich arbeite seit 29 J in einer Familienberatungsstelle in Bonn und seitdem sind mir Berichte über Herrn Winterhoff bekannt, alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe sind auch von meinen Klienten genannt worden. Meinem Rat, sich an die Ärztekammer zu wenden, scheinen sie aber nicht gefolgt zu sein.“ -  Oder aber: Einige haben sich an die Ärztekammer gewandt und es waren zu wenige. Den Kindern misstrauischer Eltern konnte Winterhoff kein Pipamperon verordnen, so dass definitiv „nichts passiert ist“. 

Aber es ist ganz viel passiert! In „Warum Kinder keine Tyrannen sind, sprach die unkenntlich gemachte Erzieherin eindringlich von der „verlorenen Kindheit der Heimkinder“ und rief „Ihr kommt zu spät, Leute! Ihr kommt Jahre zu spät! Es sind schon zu viele Kinder betroffen!"

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Kommentare (1)

Angelika Mauel 14 September 2021, 08:48

Wie kann das sein?

Neue Vorwürfe gegen Michael Winterhoff: https://www1.wdr.de/nachrichten/landespolitik/winterhoff-vorwuerfe-jugendamt100.html Er soll sogar Drei- und Vierjährigen Pipamperon verschrieben haben.

Hoffentlich wird der Film von Nicole Rosenbach an vielen Erzieherfachschulen gesehen. Es ist so wichtig, dass wir über Fehlentwicklungen sprechen und nicht nur den Einzelfall "Winterhoff" kurz zur Kenntnis nehmen, ohne dass sich etwas ändert.

Auch Eltern verabreichen manchmal ihren Babys oder Kindergartenkindern nach eigenem Gutdünken "beruhigende" Medikamente. Apotheker werden sporadisch von Eltern nach Schlafmitteln für ein Baby gefragt und wir wundern uns manchmal über Kleinkinder die schläfrig sind und dann über ihre eigenen Beine fallen...

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