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Was wäre, wenn...?

Frauke Hildebrandt/Annette Dreier

13.05.2012 Kommentare (0)

Die Interessen und Fragen der Kinder sind ebenso wie ihre Kompetenzen harte Fakten im Bildungsprozess. Sie sind Indikatoren der Wissenslust und Zeichen der Offenheit für Neues. Daher bilden sie den idealen Ausgangspunkt für pädagogische Handlungen, die die Kinder dabei unterstützen, sich ein Bild von sich selbst, den Ereignissen und Gegenständen dieser Welt und von anderen Menschen zu machen – kurz: sich zu bilden.

Wie können Er­zieherinnen dies in ihren alltäglichen Interaktionen mit den Kindern unterstützen? Welche Rolle spielen Nachdenkgespräche dabei? Und wie wird Bildung zu einem Ereignis, das Staunen, Nachdenken und Fantasieren anzuregen vermag?

Das geht ganz leicht: Man kann den Gegenstand des Gesprächs – und sei es ein Regenwurm – gemeinsam beschreiben:seine fühlbaren und nicht-fühlbaren Eigenschaften oder Fähigkeiten. Man kann den Regenwurm mit anderen Tieren oder mit Gegenständen vergleichen.Man kann nach den Ursachen seines So-Seins forschen und gemeinsam darüber spekulieren, wie es wäre, wenn … Menschen wie Regenwürmer lebten.

All das sollten Sie mit Kindern tun. Nicht nur, weil es Freude macht, sondern auch, weil es die Gedanken der Kinder und Ihre Gedanken in Schwung bringt. Man redet miteinander, drückt sich aus und übt sich im Dialog.

Doch wie kann man so fragen, dass Kinder ihre Theorien ausdrücken? Wie kann man das Selbstdenken der Kinder unterstützen?

Besser fragen als in der Schule

Gut zu fragen ist schwer, und der fragend-entwickelnde Unterricht in der Schule ist ein Misserfolg, denn Fragen sind Bitten um Information. Menschen fragen, wenn sie etwas wissen wollen, wenn ihnen eine Information fehlt. Fragt der Lehrer in der Schule, ist das häufig die Perversion der Frage. Er fragt nicht, weil er eine Frage hat, die er mit den Kindern beantworten oder über die er mit ihnen nachdenken will. Vielmehr fragt er, weil er herausfinden will, was die Kinder wissen. Das heißt: Er weiß die Antwort auf die Frage ganz genau und will herausfinden, ob die Kinder sie auch wissen. Kinder sind von klein auf an diese Art von Erwachsenen-Fragen gewöhnt und davon gelangweilt. In Gesprächen versuchen sie meist herauszufinden, was die Erwachsenen hören wollen, was „richtig“ ist.

Würde man solche Fragen als Rätselfragen stellen, könnte es Spaß machen, sie zu beantworten. Das Rätseletikett wirkt wie ein Anführungszeichen. Damit wird für alle fassbar, dass ein Spiel gespielt wird, ein Fragespiel, dass man also nur so tut, als würde man fragen.

Im Nachdenkgespräch haben Fragen ohnehin eine besondere Funktion. Primär zielen sie darauf, neue Fragen aufzuwerfen und Selbstverständlichkeiten zu irritieren, um die Präzision der Beschreibung zu erhöhen.

Die beste Voraussetzung für gemeinsames Nachdenken ist, selbst viele Fragen und das Bewusstsein entwickelt zu haben, was man alles nicht weiß. Hinzu kommt die Lust, sich neues Wissen zu erschließen, sich selbstdenkend mit seinen Fragen auseinanderzusetzen. 

Gespräche im Kita-Alltag

Wir wissen, dass die Sprachkultur in Kitas, was kognitiv anregende Interaktionen betrifft, zu wünschen übrig lässt (1). In größeren Kindergruppen dominieren Sprechakte der Anweisung (2). Als Ursache dafür wird häufig der Betreuungsschlüssel genannt.

In 90 Prozent der Zeit initiieren Erzieherinnen keinerlei Interaktion mit dem Kind (3). Bei den verbleibenden 10 Prozent handelt es sich um Begrüßungen, kurze Fragen und kurze Antworten. Das muss und kann sich verändern.

In welchen Situationen des Kita-Alltags lassen sich kurze Gespräche führen, die das Denken anregen? Wir haben Einstiegsfragen zu unterschiedlichen Schlüsselsituationen gesammelt, die Erzieherinnen dabei helfen können, eigene Nachdenkfragen zu entwickeln und zu stellen. Zum Beispiel: 

An- und Ausziehen

 An- und Ausziehen kommen im Tagesablauf häufig vor: mindestens zwei Mal pro Kind.

Viele Kinder brauchen Unterstützung dabei, und es ergeben sich Eins-zu-eins-Momente, die einen kurzen Dialog zwischen Kind und Erzieherin ermöglichen.

Wir fragten Erzieherinnen, ob diese Situationen tatsächlich zum gemeinsamen Nachdenken genutzt werden können. Einige Kolleginnen meinten, das ginge nicht, denn schließlich wollten viele Kinder gleichzeitig etwas, man könne also nur sehr kurz ins Gespräch kommen, und es lohne sich nicht, eine kognitiv anregende Frage zu stellen. Andere meinten: Es sei zwar nur eine kurze, aber sichere Eins-zu-eins-Situation, in der man schon ein paar Sätze austauschen, eine anregende Frage stellen, also einen Impuls geben könne. Ein langer Gedankenaustausch sei sicherlich nicht möglich, aber auch nicht nötig. Später könne man auf interessante Ideen zurückkommen.

Beschreiben: Was denkst du…?

Sehen deine beiden Füße eigentlich genau gleich aus?

Woraus ist deine Jacke eigentlich gemacht?

Wie wird eigentlich der Stoff gemacht, aus dem dein Schal ist?

Wie funktioniert so ein Reißverschluss eigentlich genau?

Wie geht der Klettverschluss eigentlich zu?

Forschen nach Ursachen, Gründen, Zwecken und Motiven: Was denkst du...?

Wieso, denkst du, kommt durch den Gummistiefel eigentlich kein Wasser?

Wieso müssen wir uns eigentlich so oft an- und ausziehen?

Wieso müssen sich Tiere eigentlich nicht anziehen?

Warum gibt es eigentlich für jeden Fuß einen anderen Schuh?

Spekulieren: Was denkst du…?

Was wäre, wenn wir selbst bestimmen könnten, wie das Wetter wird?

Was wäre, wenn dein Reißverschluss gar kein Ende hätte?

Was wäre, wenn die Hunde auch so viele Sachen anziehen müssten wie du?

Was wäre, wenn alle Anziehsachen durchsichtig wären?

Was wäre, wenn die Schnürsenkel Regenwürmer wären?

Was wäre, wenn jeder das anzieht, was er grade findet?

Ein Gespräch: Frank (39) und Heinrich (4)

Frank
Deine Jacke hat einen langen Reißverschluss. Der hört ja gar nicht auf…
Heinrich
Die ist von Frieder. Frieder ist mein Cousin.
Frank
Der war ja schon mal hier und hat dich abgeholt. Das graue Muster gefällt mir… Was wäre eigentlich, wenn der Reißverschluss überhaupt nicht aufhören würde?
Heinrich (lachend)
Dann würde er bis ganz runter gehen.
Frank
Und wenn er noch länger wäre?
Heinrich
Na, dann würde er bis zur Lava in die Erde reichen.
Frank
Und wenn er nach oben ginge?
Heinrich
Dann würde er bis ins Weltall reichen. Bis dahin, wo die Saurier noch da waren und Lava auch.

Kommentar

Franks Nachfragen beim Anziehen regen Heinrich an, seine Idee von räumlicher Unendlichkeit auszudrücken: Im ersten Schritt verfolgt er den Reißverschluss vertikal bis auf die erste natürliche Grenze, den Erdboden, und lacht. Sein Lachen deutet darauf hin, dass er die So tun, als ob-Situation der Kommunikation akzeptiert und genießt. Es ist ihm offenbar klar, dass sich Frank für seine Imagination interessiert. Auf Nachfrage verlängert er die vorgestellte Vertikale bis ins vorgestellte Erdinnere, für das er die Konzeption „Lava“ hat.

Frank gibt den Impuls, sich auch die umgekehrte Reißverschluss-Verlängerungsrichtung vorzustellen. Heinrich geht darauf ein und stößt durch das Weltall in die zeitliche Unendlichkeit vor, die zudem die gedachte vertikale Verlängerung in die Tiefe wiederholt: „Bis dahin, wo die Saurier noch da waren und Lava auch.“

Das Gespräch dauerte cirka 20 Sekunden.

Was macht Frank?

Verbalisieren der eigenen Handlung: Als Kommentar zu einer Handlung Heinrichs verbalisiert Frank in der gemeinsamen Situation ihren Eindruck.

Spekulieren: Frank stellt eine Was wäre, wenn-Frage und stellt ihr ein positives Geschmacksurteil voran.

Spekulieren: Frank präzisiert zwei Mal das Was wäre, wenn-Szenario.

Obst schneiden

In den meisten Kitas, die ich kenne, gibt es ein Obstfrühstück. Aber wer bereitet es vor, wer schneidet die Äpfel, Birnen, Bananen oder Pflaumen? Gut ist es, wenn das die Kinder, sogar schon die Zweijährigen, selbst tun dürfen – natürlich im Beisein der Erwachsenen. In dieser konzentrierten Atmosphäre können sich Nebenbei-Gedanken entwickeln, die das Objekt der Konzentration betreffen. Gut ist es, wenn die Erwachsenen Einstiegsfragen stellen. Besser ist es, wenn die Fragen der Kinder zum Ausgangspunkt werden.

Beschreiben: Was denkst du…?

 Woraus bestehen Pflaumen denn eigentlich?
Sind Pflaumen eigentlich extra zum Essen da?
Atmen Pflaumen eigentlich?
Kann man die Kerne eigentlich auch essen?
Sind Pflaumen eigentlich tot?
 
Forschen nach Ursachen, Gründen, Zwecken und Motiven: Was denkst du…?
 
Warum sind Pflaumen eigentlich so dunkelblau?
Warum müssen Pflaumen eigentlich erst reif werden?
Warum sind die Kerne eigentlich so hart?
 
Spekulieren: Was denkst du…?
 
Was wäre, wenn die Pflaumen plötzlich anfangen würden, zu reden?
Was wäre, wenn die Pflaumen plötzlich andere Früchte essen würden?
Was wäre, wenn die Pflaumen plötzlich zurück in die Schale kriechen würden?
Was wäre, wenn die Pflaumen in deinem Bauch toben würden?
Was wäre, wenn die Pflaumen gar nicht gegessen werden wollen?
Was wäre, wenn das Messer zu stumpf zum Schneiden wäre?
Was wäre, wenn die Pflaumen nach Benzin schmecken würden?

Ein Gespräch: Anita (44) und Wido (5)

Anita
Stell dir mal vor, die Pflaumen würden was merken, wenn man sie zerschneidet…

 

Wido
Oh! Dann würden die „Aua“ schreien.

 

Anita
Können sie ja nicht. Sie haben keinen Mund.

 

Wido
Keinen Mund? Dass die auch keine Augen und Ohren haben? Dann sprechen sie eben gar nicht. Vielleicht tut ihnen das dann einfach weh, und sie denken „Aua“.

 

Anita
Und wie kriegen wir mit, ob wir ihnen wehtun?

 

Wido
Das sehen wir erst, wenn wir sie aufmachen: Ob sie einen Magen haben…
 
 Kommentar

 

Anita stellt eine auf den ersten Blick kontrafaktische Hypothese auf. Das heißt, sie entwirft eine Idee, nach der Pflaumen imstande sind, zu fühlen. Wido versetzt sich derart in die Pflaumen, dass er den vorgestellten Schmerz samt menschlicher Ausdrucksmöglichkeit auf die Pflaumen überträgt. Dabei lässt er die menschlichen Ausgangsbedingungen bezüglich des Schmerzausdrucks außer Acht.

Nicht alles, könnte man einwenden, was seinen Schmerz nicht ausdrücken kann, hat keinen Schmerz. Anita weist auf dieses Problem hin. Wido rekapituliert die Ausgangsposition der Pflaumen hinsichtlich ihrer Sinneswahrnehmungsmöglichkeiten (keine Augen, keine Ohren, keinen Mund) und schlägt vor, den Pflaumen wenigstens Schmerzempfindung (Aua-Denken) oder Schmerz-Eigenwahrnehmung zu unterstellen.

Anita stellt die zentrale erkenntnistheoretische Frage danach, wie wir merken könnten, dass eine Pflaume beim Zerschneiden Schmerz empfindet. Interessanterweise konstatiert Wido Folgendes: Wir können es gar nicht merken. Erst nachdem wir die Pflaume zerschnitten haben, können wir indirekt schließen, ob sie Schmerzen gehabt hat. Als Kriterium gibt er das Vorhandensein des Magens an, der für ihn vermutlich die Rolle des Herzens spielt.

Klar wird in diesem kurzen Gespräch, dass man innerhalb eines Was wäre, wenn-Szenarios wunderbar logisch folgern kann.

Was macht Anita?

Spekulieren: Anita eröffnet ein Was wäre, wenn-Szenario.

Mittel zur Weiterführung des Gesprächs

Kontraposition: Anita weist Wido daraufhin, dass seine Schlussfolgerung auf einer falschen Annahme basiert.

Weiterführende erkenntnistheoretische Frage: Anita formuliert einen Widerspruch als eine Frage, die ihr weiterführend erscheint, nachdem Wido das Phänomen neu beschrieben hat.

Anmerkungen

(1)  Siehe u. a.: Tietze et al. 1998; Wolf et al. 1999
(2)  Howes/Whitebook 1991
(3)  Meade 1995

Die Texte entstammen dem Buch „Was wäre, wenn…? Fragen, nachdenken und spekulieren im Kita-Alltag“, das im zweiten Quartal dieses Jahres im verlag das netz erscheint. Sie wurden im neuen Heft von Betrifft Kinder veröffentlicht.

 

 

 

 

 

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