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Junge, dem von zwei Kindern in jedes Ohr etwas geflüstert wird

Was ist Bilingualität, wozu ist sie gut, und was bedeutet ein bilinguales Konzept in der Kita für die pädagogischen Fachkräfte?

Hilde von Balluseck

25.03.2009 Kommentare (0)

Wenn wir von Sprachförderung sprechen, dann denken wir meistens an die Kinder, die eine andere Muttersprache als das Deutsche haben und denen Schwierigkeiten im Erwerb der deutschen Sprache nachgesagt werden. Wir wissen aber auch, dass es inzwischen viele Kinder gibt, die zu Hause mit der deutschen Sprache aufwachsen und dennoch des Deutschen nicht wirklich mächtig sind. Wir müssen also unterscheiden zwischen Kindern, die zu Hause eine andere Sprache als deutsch sprechen und solchen, in denen zu Hause sehr wenig kommuniziert wird, so dass sie keine sonderlichen sprachlichen Fähigkeiten entwickeln können. In beiden Fällen ist Sprachförderung angesagt, aber in unterschiedlicher Form. Denn Kinder mit einer anderen Muttersprache als der deutschen müssen zunächst in ihrer Muttersprache gestärkt werden, bevor sie deutsch lernen, während Kinder, die aufgrund von familiären Defiziten schlecht deutsch sprechen, nicht nur in der Kita, sondern auch in ihrem sozialen Umfeld gefördert werden müssen.

Neben der Sprachförderung (mehr dazu) wird das Thema Bilingualität immer wichtiger. Bilingual wachsen schon mal alle Kinder auf, deren Muttersprache eine andere als die deutsche ist. Eigentlich hätten sie dadurch einen Vorteil zu erwarten. Aber auf die Muttersprache der Kinder mit Migrationshintergrund wird zumeist in der Kita nicht eingegangen. Es ist die Aufgabe der Fachkräfte, den Eltern im Rahmen einer Erziehungspartnerschaft Achtung gegenüber ihrer Muttersprache zu signalisieren und so dafür zu sorgen, dass die Kinder in ihrer Muttersprache und dem Deutschen kommunizieren können.

Die EU fordert nicht nur die Kenntnis zweier Sprachen, sondern generell „Mehrsprachigkeit“. Von WissenschaftlerInnen ist belegt, dass es in der Tat kein Problem für Kinder ist, mit verschiedenen Sprachen aufzuwachsen und sie damit zu erlernen. Ein Fachtag der Fröbel-Gruppe befasste sich am 13.März mit diesem Thema intensiv. Folgende Erkenntnisse konnten die TeilnehmerInnen mitnehmen:

Die Bedeutung der Muttersprache

  • Kinder sollten zunächst ihre Muttersprache gut erlernen. Dann sind sie besser in der Lage, die Strukturen und Besonderheiten anderer Sprachen wahrzunehmen. So macht es keinen Sinn, wenn türkische Eltern mit ihren Kindern schlechtes Deutsch sprechen. Wichtiger ist, dass das Kind, das in die Kita kommt, seine Muttersprache wirklich beherrscht.

Der Begriff der Zweitsprache

  • In vielen Fällen wird von Zweitsprache gesprochen, wenn eine Fremdsprache (von MigrantInnen Deutsch) erlernt wird. Der Begriff macht wenig Sinn, wenn wir bedenken, dass Kinder manchmal schon in zweisprachigen Familien aufwachsen und in der deutschen Umgebung mit einer dritten konfrontiert sind.

Fremdsprache in der Kita

  • Über das Nebeneinander zweier Sprachen von Kindern mit Migrationshintergrund hinaus wird heute das Erlernen einer Sprache schon in der Kita diskutiert. Die neurophysiologischen Voraussetzungen dafür sind vorhanden - Kinder lernen sehr leicht, wenn sie nicht mit Programmen gefüttert werden.

Welche Fremdsprache?

  • Sinnvoll ist das Erlernen einer Sprache in der Kita, die für die Kinder eine große Bedeutung hat. Das kann in einer Grenzregion zu Polen oder Frankreich die polnische oder französische Sprache sein.

Die Bedeutung von Englisch als Fremdsprache

  • Auf lange Sicht gesehen ist das Englische die Sprache, die heute jede/r sprechen können sollte. Von daher ist eine Konzentration auf diese Sprache durchaus sinnvoll. Denn Kinder, die in der Kita schon mit dem Englischen vertraut gemacht werden, begegnen in der Schule, in der ab der 1. Klasse Englisch unterrichtet werden sollte, schon vertrauten Klängen und Strukturen.

Die Anforderungen an das Personal

  • Bilingualität bzw. Mehrsprachigkeit stellt an das pädagogische Personal besondere Anforderungen. Alle Professionellen in der Kita sollten die Fremdsprache, die dort an die Kinder herangetragen werden soll, sprechen und verstehen können. Sehr positiv ist aber darüber hinaus die Einstellung muttersprachlicher ErzieherInnen.

Die Methode

  • Für die Kinder ist es wichtig, dass die deutschsprachige Fachkraft nur deutsch mit ihnen spricht, die Fachkraft aus einem anderen Land hingegen nur ihre jeweilige Muttersprache. Andernfalls kommen die Kinder durcheinander.
    Spielerisch eine Sprache zu erlernen heißt, in die Sprache einzutauchen. In der Kita, wo kein Leistungsdruck herrscht, kann man sich diesen „Luxus“ erlauben. Das Prinzip heißt „Immersion“ und bedeutet, dass die Fachkräfte jeweils in einer Sprache mit den Kindern sprechen. Wenn also das Ziel das Erlernen der englischen Sprache ist, wird die türkische Erzieherin mit den Kindern deutsch sprechen. Interessanterweise begreifen die Kinder vom situativen Kontext her die Worte und Sätze und allmählich erlernen sie deren Bedeutung und können selbst auch in der Fremsprache kommunizieren.

Fazit: In einer Welt, die immer mehr zusammenwächst, ist Kommunikation in anderen Sprachen als der Muttersprache essentiell für Privat- und Berufsleben. Wir sollten die Kinder unterstützen - so weit es uns möglich ist.

Im Folgenden finden Sie zwei Präsentationen zur Mehrsprachigkeit. Die eine ist von Prof. Dr. Andreas Rohde von der Universität Köln, mit der er die Inhalte seines Vortrages am 13.3.2009 darstellte. In dieser Präsentation werden die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Mehrsprachigkeit erklärt. Die zweite Präsentation gibt den Vortrag von Kristin Kersten von der Universität Magdeburg wider, die sich mit der Umsetzung dieser Erkenntnisse in der Kita befasst. Ich hoffe, Sie haben ein paar der Aha-Effekte, die die TeilnehmerInnen des Fröbel-Fachtages erleben konnten.

PDF-IconFrühe Mehrsprachigkeit - Wie kann die Praxis aussehen? -
Kristin Kersten (Universität Magdeburg)

(PDF-Datei, 896 kb)

PDF-IconFremdsprachenlernen im Vorschulalter: Ein Kinderspiel?
Andreas Rohde (Universität zu Köln)

(PDF-Datei, 150 kb)

Ausführlichere Informationen zur Sprachförderung in Berlin finden Sie unter www.bildungsserver.de/zeigen.html?seite=2337. Wir werden diese Rubrik um andere Bundesländer erweitern und sind für Hinweise dankbar.

Informationen zu weiteren Bildungsbereichen (musische Erziehung, Naturwissenschaften, Technik) finden Sie in dem vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend herausgegebenen Internetportal Wissen und Wachsen.

Wie ErzieherInnen die Bildungsprozesse von Kindern begleiten können, finden Sie unter Bildungs- und Lerngeschichten www.dji.de/bildung-lerngeschichten.

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