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Videoarbeit in KiTas. Eine ressourcenorientierte Methode zur Qualitätssicherung

Helga Reekers

23.01.2014 Kommentare (0)

Seit der öffentlichen Diskussion über die Ergebnisse der Pisa-Studie haben Entwicklungs- und Bildungsprozesse im Elementarbereich einen neuen Stellenwert erhalten. Bildung,Betreuung und Erziehung müssen in hohem Maße auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder abgestimmt sein. Eine ganzheitliche, regelmäßige und zielgerichtete Beobachtung ist dabei unumgänglich.

Beobachtungen zum Entwicklungsstand des Kindes und daraus resultierende Förderpläne wurden in der Vergangenheit überwiegend schriftlich festgehalten. Hier geht die Nutzung von Videoaufnahmen einen Schritt weiter. Mit Hilfe von Videoaufnahmen besteht die Möglichkeit, objektiver und zielorientierter vorzugehen, die eigene Wahrnehmung zu überprüfen und zielgerichtet ausgewählte Videosequenzen primär ressourcenorientiert für die Zusammenarbeit mit KollegIinnen, Eltern, den Kindern, anderen Fachdisziplinen usw. zu nutzen.

Im weiteren Verlauf werden die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten von Videoaufnahmen in Kindertageseinrichtungen näher beschrieben.

Die Durchführung von Videoaufnahmen zu diagnostischen Zwecken und zur Dokumentation von Bildungsprozessen

Vor dem Einsatz der Videokamera muss sichergestellt sein, dass Einverständniserklärungen zum Filmen vorhanden sind. Eltern sollten in hinreichender Weise über geplante Videoaufnahmen informiert werden. Die pädagogische Fachkraft überlegt im Vorfeld, wozu, in welchem Rahmen und wann sie Videoaufnahmen für ein zielgerichtetes Vorgehen erstellt.

Mit Hilfe von Videoaufnahmen besteht die Möglichkeit, genau und ganzheitlich zu beobachten und gezielt wahrzunehmen. Dabei wird das Verständnis der Fachkräfte für das Verhalten und Erleben der Kinder erweitert. Die Analyse der Videoaufnahmen ist zunächst auf die Stärken des Kindes bezogen. Im zweiten Schritt werden eventuelle Auffälligkeiten oder Entwicklungsver­zögerungen herausgearbeitet.

Die emotionale Distanz zur Situation ermöglicht ein konstruktives und professionelles Erarbeiten des Entwicklungsstandes. Die so gewonnenen Erkenntnisse bilden die Basis für Förderpläne und werden somit im Kontakt mit KollegInnen und Eltern verwendet. 

Bearbeitung von Videosequenzen mit KollegInnen

Damit das Kind ganzheitlich gefördert werden kann, erfolgt nach erster „Bestandsaufnahme“ durch eine pädagogische Fachkraft die Bearbeitung von ausgewählten Sequenzen mit den KollegInnen in der Gruppe, dem Team (dies ist besonders wichtig in offenen Kindertages­einrichtungen) oder in Fallbesprechungen.

Bei der Analyse der Aufnahmen werden schwerpunktmäßig die Stärken des Kindes herausge­arbeitet. Der ressourcenorientierte Blick wird geschärft, weiter ausgebaut und Wahrnehmungen in Bezug auf Auffälligkeiten gemeinsam überprüft. Die Beteiligten erarbeiten, was das Kind in Bezug auf eine bestmögliche Entwicklung braucht und richten ihr pädagogisches Handeln im Arbeitsalltag darauf aus. In regelmäßigen Abständen werden neue Aufnahmen durchgeführt, damit erfolgte Interventionen und deren Auswirkungen überprüft werden können.

Das Ergebnis ist eine gezieltere Initiierung von Entwicklungsprozessen, da auch mit den Eltern zielorientiert Videosequenzen für eine bestmögliche Förderung ihres Kindes besprochen werden.

Die Nutzung von Videoaufnahmen in Elterngesprächen

Der Elternarbeit kommt in Kindertageseinrichtungen eine besondere Bedeutung zu.  Wenn Erziehungs- und Bildungsprozesse optimal verlaufen sollen, ist eine partnerschaftliche, vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Eltern Voraussetzung. Hier erweist sich der Einsatz von Videoaufnahmen in Beratungsgesprächen als außerordentlich gewinnbringend. Die pädagogischen Fachkräfte gestalten den Dialog mit den Eltern und machen die Inhalte ihrer Arbeit mit Hilfe des Videomaterials transparent. Die Videoaufnahmen werden hierbei in einer wertschätzenden, aktivierenden Art und Weise mit den Eltern bearbeitet. Es findet eine gemeinsame Reflexion der Aufnahmen statt, damit das weitere Vorgehen miteinander besprochen werden kann. Eingesetzte Fragetechniken (zirkuläres Fragen) ermöglichen der pädagogischen Fachkraft eine hilfreiche Distanz und Neutralität im Gespräch.

Die zunächst auf die Stärken ihres Kindes bezogene Videoarbeit bewirkt, dass Eltern eher bereit sind, auch bei herausforderndem oder auffälligem Verhalten ihres Kindes mit den pädagogischen Fachkräften Lösungsmöglichkeiten zu erarbeiten und entsprechende Maßnahmen einzuleiten. 

Stärkung des Selbstbewusstseins der Kinder mit Hilfe von Videoaufnahmen

Kindergartenkinder sind mit vielfältigen Erwartungen und Herausforderungen konfrontiert. Sie sind auf pädagogische Fachkräfte angewiesen, die ihre Bedürfnisse feinfühlig erkennen, bei Problemen unterstützen und dem Kind zeigen, was es alles zu entdecken gibt. Wird einem Kind gezeigt, dass es in der Lage ist, Herausforderungen zu bestehen, dann wächst der Glaube an die eigenen Fähigkeiten. Die Selbstwirksamkeit wird gestärkt. Hierfür ist es wichtig, den Fokus auf positive Eigenschaften, Verhaltensweisen und Situationen zu richten. Dies ist gerade bei Kindern mit herausforderndem Verhalten nicht immer einfach, jedoch absolut wirkungsvoll.

Anhand der positiven Bilder werden dem Kind Fähigkeiten und Auswirkungen des eigenen Handelns bewusst und das Selbstwertgefühl wird gestärkt. Praxiserfahrungen zeigen, dass nicht nur die Möglichkeit besteht, mit einem einzelnen Kind eine Auswertung vorzunehmen, sondern gleichzeitig mit mehreren Kindern in einer wertschätzenden und wohlwollenden Art und Weise an den Videosequenzen zu arbeiten.

Kooperation mit weiteren Fachdisziplinen

Neben der oben beschriebenen Zusammenarbeit mit KollegIinnen, Eltern und Kindern werden Videoaufnahmen auch in der Zusammenarbeit mit anderen Fachdisziplinen eingesetzt. Dies setzt das Einverständnis der Eltern natürlich voraus. Die zentrale Frage bei der Analyse der Videoaufnahmen lautet: "Was braucht das Kind? Zunächst erfolgteine an den Stärken des Kindes orientierte Auswertung der Videosequenzen (die Metaperspektive hilft, Kommunikations- und Interaktionsmuster des Kindes zu erkennen).Im zweiten Schritt wird gemeinsam erarbeitet, was das Kind für eine bestmögliche Entwicklung noch (an Maßnahmen) benötigt. Durch die Nutzung der Videoaufnahmen können zeitaufwändige Hospitationen oder umfangreiche diagnostische Tests unter Umständen vermieden werden. Spezielle Förderungen des Kindes (Logopädie, Motopädie, Ergotherapie, Frühförderung usw.) können schneller erfolgen.

Auswirkungen der Nutzung von Videoaufnahmen auf die pädagogische Arbeit

An dieser Stelle wird ein Überblick darüber geben, welche Erfahrungen pädagogische Fachkräfte beim Einsatz von Videoaufnahmen in Kindertageseinrichtungen gemacht haben. Grundlage der nachfolgenden Aussagen sind Bewertungen, die TeilnehmerInnen nach Beendigung von Fortbildungskursen und Projekten vorgenommen haben. Sie beziehen sich auf die Frage, inwieweit die TeilnehmerInnen von dieser Methode in ihrem Arbeitsalltag profitieren konnten:

  • „Meine anfänglichen Hemmungen in Bezug auf die Handhabung der Videokamera und der anderen technischen Geräte sind schnell verflogen.“
  • „Die Kinder haben sich schneller als erwartet an den Einsatz der Kamera gewöhnt.“
  • „Mein Blick im Arbeitsalltag hat sich verändert. Ich schaue mehr auf die Stärken, nicht nur bei den Kindern, sondern auch in Bezug auf meine KollegInnen oder auch bei mir selbst, sogar im privaten Bereich.“
  • „Durch den Einsatz der Videoaufnahmen haben wir als KollegInnen das zielgerichtete, schrittweise Vorgehen in der täglichen Arbeit mit den Kindern noch besser im Blick.“
  • „Videosequenzen sind eine wichtige Ergänzung zur schriftlichen Dokumentation von Entwicklungs- und Bildungsprozessen.“
  • „Beobachtungen ohne Videoaufnahmen sind weniger objektiv.“
  • „Meine eigene Wahrnehmung in Bezug auf die Kinder kann ich mit Hilfe von Videoaufnahmen sehr gut überprüfen.“
  • „Wir nutzen Videoaufnahmen jetzt viel häufiger für Fallbesprechungen/Teambesprechungen und entwickeln schneller Ideen für das weitere pädagogische Vorgehen.“
  • „Elterngespräche gestalten sich einfacher. Eltern sehen ebenfalls die vielen Stärken ihrer Kinder. Über das vorhandene Bild sind auch schwierige Situationen ihrer Kinder besser besprechbar.“
  • „Der Einsatz von Videoaufnahmen bedeutet eine Zeitersparnis, denn über das Bildmaterial können Ergebnisse schnell erfasst werden.“
  • „Die interdisziplinäre Zusammenarbeit gestaltet sich viel einfacher, zeitaufwendige Hospitationen lassen sich über die Nutzung der Videoaufnahmen oftmals vermeiden.“

Zurückblickend auf eine langjährige Tätigkeit als Ausbilderin/Supervisorin SPIN und als Referentin für pädagogische Fachkräfte aus Kindertageseinrichtungen lässt sich feststellen, dass die ressourcenorientierte Nutzung von Videoaufnahmen in diesem Arbeitsfeld immer mehr Einzug hält und an Bedeutung gewinnt.

Hierbei ist der Einsatz nicht nur begrenzt auf die oben beschriebenen Bereiche, sondern ebenso erfolgreich ist in zunehmendem Maße eine effektive Videoarbeit in der U-3-Betreuung, im Bereich Sprachbildung und Sprachförderung sowie in der integrativen Betreuung von Kindern zu verzeichnen.

In Bezug auf die politische Forderung nach einem inklusiven Bildungssystem ist der Einsatz der Videokamera auch in diesem Bereich denkbar, denn es wird hier von einer Heterogenität als "Normalfall" ausgegangen. Dieser Paradigmenwechsel (weg von einer Kategorisierung und Stigmatisierung) stellt neue Anforderungen an die Basiskompetenzen der frühpädagogischen Fachkräfte. Die Qualität der Arbeit lässt sich auch in diesem Bereich durch die Nutzung von Videoaufnahmen verbessern.

Quelle: www.nifbe.de

http://www.nifbe.de/component/themensammlung/item/57-themensammlung/paedagogische-querschnitts-aufgaben/beobachtung-und-dokumentation-reflexion-und-auswertung/438-videoarbeit-in-kitas

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