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drei Jungen

Stoff aus dem inklusiver Untericht ist

Ursula Barth-Modreker

15.05.2020 | Fachbeitrag Kommentare (0)

Eine Berliner Lehrerin zieht mit einer spannenden Lernumgebung zum Thema „Stoffeigenschaften“ eine ganze Klasse in ihren Bann.

Eine E-Mail von einer echten Meeresforscherin – die bekommen auch die Schülerinnen und Schüler der Lindenhof-Grundschule in Berlin-Schöneberg nicht alle Tage. Ungläubig reißt Malte den Mund auf, als seine Lehrerin Veronika Zibell zu Beginn des naturwissenschaftlichen Unterrichts einen Brief ihrer alten Studienfreundin an das digitale Whiteboard wirft.

Marie Cousteau heißt die Professorin, die soeben auf ihrem Forschungsschiff „Beagle“ zu einer Weltreise aufgebrochen ist. Unglücklicherweise, so schreibt die Meeresforscherin in der E-Mail an die fünfte Klasse, seien ihre Forschungsmaterialien ungeordnet in Kisten angeliefert worden. Ob die Kinder ihr wohl dabei helfen könnten, die Dinge in ihrem Materiallager zu sortieren?

Die Schülerinnen und Schüler haben verschiedene Materialien nach ihren Stoffeigenschaften sortiert.

Mit Feuereifer bei der Sache

Was für eine Frage – und ob sie können! Mit Feuereifer machen sich die 23 Schülerinnen und Schüler in Vierergruppen an die Arbeit, leeren zunächst die bunt zusammengewürfelten Gegenstände aus den Kunststoffboxen auf die Tische. Zum Vorschein kommen ein Stück Wollstoff, eine Kerzenhülle aus Aluminium, eine Keramiktasse, eine Glasmurmel, eine Schnur aus Bast, ein Baumwollfaden, ein Stück Leder, eine CD-Hülle, Nägel, Büroklammern, ein Kupferdraht, ein Holzspatel und vieles mehr. 

„Findet eine sinnvolle Ordnung für die Materialien und überlegt, warum Ihr die Dinge so ordnen möchtet“, formuliert Veronika Zibell die Aufgabenstellung. Und schon begeben sich die Mädchen und Jungen im Klassenraum selbst auf Forschungsreise – und zwar zum Thema „Stoffeigenschaften“.

Materialien für alle Lernausgangslagen

Was sie nicht wissen: Ihre Lehrerin startet heute mit dem ersten Teil einer dreiteiligen Unterrichtseinheit, die die Berliner iMINT-Akademie gemeinsam mit der Siemens Stiftung für einen inklusiven Experimentalunterricht in heterogenen Klassen entwickelt hat. In der Lernumgebung kommen leistungsstarke Lernende genauso zum Zug wie diejenigen, die mit Lern- oder Sprachproblemen kämpfen. Die Unterrichtsmaterialien enthalten neben Aufgabenstellungen, Versuchsanleitungen und Lösungsbögen auch gestufte Hilfen, unterschiedlich anspruchsvolle Zusatzaufgaben sowie Medien zur Sprachförderung und interaktive Übungen. Für Veronika Zibell ein wertvolles Lehrmittel-Paket, das sie sich als „Open Educational Resource“ (OER) vom Medienportal der Siemens Stiftung heruntergeladen und an die Bedürfnisse der eigenen Klasse angepasst hat.

Der Forscherin muss geholfen werden!

An den Gruppentischen ist derweil angeregtes Murmeln zu hören. Während die Schülerinnen und Schüler leise diskutieren, eifrig sortieren und nach Oberbegriffen für die Materialien suchen, streift Veronika Zibell durch die Klasse und lächelt zufrieden. Mit ihrer spannenden Geschichte hat sie die Kinder eingefangen. Jedes Einzelne hantiert konzentriert mit den Gegenständen, die Langsamen zusammen mit den Schnellen, die Schwachen mit den Leistungsstarken. Der Forscherin muss schließlich geholfen werden!

Bei der Sortieraktion für Professorin Cousteau werden alle zu Expertinnen und Experten. „Wolle kommt von Schafen – und Leder auch“, ruft Efe begeistert. Entschlossen schreibt er auf ein Karteikärtchen „Stoffe von Tieren“. Lisa protestiert: Sie will alle Fäden aus Wolle, Baumwolle und Bast auf einen eigenen Haufen legen. Am Nachbartisch blicken Maram und ihre Mitschülerinnen ratlos auf die Glasmurmel. Die Gruppe hat schon Häufchen für Stoff, Aluminium, Plastik, Eisen und „Dinge zum Knoten“ gebildet. Aber die Murmel will beim besten Willen zu keinem der anderen Stoffe passen. Kurzentschlossen wird eine weitere Kategorie gebildet: Glas.

Zusatzaufgaben und Denkanstöße 

Schnelle Schülerinnen und Schüler erhalten kleine Zusatzaufgaben. Den anderen hilft die Lehrerin mit Denkanstößen auf die Sprünge, korrigiert nebenbei die Stifthaltung oder ein falsch geschriebenes Wort. Leistungsunterschiede und Sprachschwierigkeiten, die den Unterricht in heterogenen Klassen für die Lehrkräfte manchmal zum Kraftakt werden lassen, treten beim Sortieren der Gegenstände plötzlich in den Hintergrund.

„Die Unterrichtsmaterialien sind auf die Bedürfnisse von Schülerinnen und Schülern mit verschiedenen Lernausgangslagen abgestimmt“, erzählt Veronika Zibell. Übersetzt ins wirkliche Leben an der Lindenhof-Grundschule bedeutet das: Manche Kinder haben Lernschwierigkeiten. Andere tun sich mit der deutschen Sprache noch schwer, Begriffe wie „Nagel“ oder „Wolle“ begegnen ihnen heute zum ersten Mal. Deshalb nutzen sie eifrig die Wörterliste mit den Fotos der Materialien. Ein anderes Kind hat einen sonderpädagogischen Förderbedarf im Bereich „Geistige Entwicklung“. „Dieses Kind kann gemeinsam mit seiner Gruppe Gegenstände sortieren und an Experimenten teilnehmen. Es kann seine Entscheidungen vielleicht nicht begründen, hat für seinen Lebensalltag aber trotzdem praktische Erfahrungen gesammelt“, betont Lehrerin Zibell. Die Materialien sind wirklich für jedes Kind geeignet.

Ein Brief an Professorin Cousteau

Auf den Tischen liegen jetzt sauber sortierte Haufen. Nun schreiben die eifrigen Helferinnen und Helfer der Meeresforscherin noch einen Brief. „Mein Team und ich haben uns folgende Ordnung überlegt…“, schreibt Nina und schließt: „Ich hoffe, dass du die Idee toll findest. Es hat mir großen Spaß gemacht.“

Beim anschließenden „Museumsrundgang“ um die Tische staunen die Schülerinnen und Schüler nicht schlecht über die Einfälle der anderen Teams. „Die CD-Hülle zusammen mit dem Becher und der Flasche unter „Behältern“ zusammenzufassen – darauf hätten wir auch kommen können“, ruft Pauline anerkennend. Sam findet die Idee, das Korkstück zu den „Untersetzern“ zu zählen, „kreativ“. Und Sophie meint: „Kein Ergebnis ist falsch, einfach nur anders.“

Alle Lösungen sind richtig

Genau das ist das Motivierende an der Unterrichtseinheit, findet Lehrerin Zibell. „In den Naturwissenschaften gibt es oft mehrere Lösungen. Man muss sie nur gut begründen“, ermuntert sie ihre Klasse. Die handlungsorientierte Arbeit in der Gruppe sei genau richtig, um eine solch heterogene Klasse für naturwissenschaftliche Inhalte zu begeistern, erklärt sie später. Die Aufgabenstellung gebe den Schülerinnen und Schülern die seltene Möglichkeit, eigene Ordnungsformen zu finden. Gleichzeitig lernen sie bei der Gruppenarbeit Werte wie Verantwortungsgefühl, Teamgeist und Toleranz.

„Es hat mir großen Spaß gemacht, so mit den Kindern zu arbeiten“, zieht Veronika Zibell Bilanz. Besonders Kolleginnen und Kollegen, die noch nicht regelmäßig mit ihren heterogenen Klassen experimentieren, könnten die differenzierten Materialien den Einstieg erleichtern, glaubt sie.

Und dann denkt die Biologin auch schon an die nächste Unterrichtsstunde, in der es um die Untersuchung von Stoffen geht. Hier wird Professorin Cousteau in einer neuen E-Mail an die Klasse von einem dramatischen Zwischenfall berichten: Ein Hai hat den Käfig für die Tauchgänge zerbissen! Aus welchem Material müsste ein Käfig sein, um Haiangriffen standzuhalten? Wieder bittet sie die Schülerinnen und Schüler um Hilfe – und die müssen sich selbst ein Experiment überlegen. Wer wollte da nicht mittüfteln?

Die Lernumgebungen für inklusiven Unterricht zum Thema „Stoffeigenschaften – eine Forschungsreise“ können bei der iMINT-Akademie der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie  und dem Medienportal der Siemens Stiftung heruntergeladen werden.

 

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