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SAGE-Wissenschaftlerinnen nehmen Rot-Grün-Rotes Sondierungspapier unter die Lupe

11.11.2021 Kommentare (0)

Prioritäten für sozialen Zusammenhalt und Chancengerechtigkeit mit und nach Corona  

Berlin, 11. November 2021. „Sozialer Zusammenhalt stärkt unsere Stadtgesellschaft. Soziale Sicherheit verstehen wir als Grundbedürfnis aller Berlinerinnen und Berliner.” Ausgehend von diesen Thesen im Sondierungspapier der sich anbahnenden Rot-Grün-Roten Koalition in Berlin hat eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe von Wissenschaftler_innen der Alice Salomon Hochschule Berlin gemeinsam mit weiteren Hochschulangehörigen die darin skizzierten Vorhaben im Bereich Soziales, Gesundheit und Bildung mit einer im Mai 2020 veröffentlichten Stellungnahme von 14 Wissenschaftler_innen zu den Folgen der Covid19-Pandemie verglichen. Die Stellungnahme ist in aktualisierter Form im jüngst publizierten Jubiläumsband „#systemrelevant. 50 Jahre angewandte SAGE-Wissenschaften an der Alice Salomon Hochschule Berlin” (S. 35 ff.) zu finden.

Die Wissenschaftlerinnen haben sich mit ihren Vorschlägen an die Fraktionsspitzen von SPD, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke gewandt.

„Ermutigende Ansätze”
 
„Das Sondierungspapier enthält eine Reihe ermutigender Ansätze”, so Silke Gahleitner, Professorin für Klinische Psychologie-Beratung und Therapie an der ASH Berlin, eine der Herausgeberinnen von #systemrelevant und Organisatorinnen der Arbeitsgruppe auf dem Hochschultag. „Von der weiteren Ausformulierung und Umsetzung hängen wichtige Entwicklungen für Berlin im Bereich Soziales und Bildung, Gesundheit und Chancengerechtigkeit, Diversity und Nachhaltigkeit ab. Soziales als einen zentralen Teil der Daseinsvorsorge gilt es deutlicher mit Bildung zusammen zu denken und die SAGE-Berufe in entsprechenden zentralen Entscheidungen einzubinden.”
 
So sei begrüßt worden, dass Kinder- und Altersarmut sowie Wohnungslosigkeit unter den Prioritäten der Koalition im Bereich Soziales genannt werden. Wichtig sei nun, den aus der Zusammenarbeit von Praxis und Wissenschaft entstandenen Masterplan zur Überwindung von Wohnungs- und Obdachlosigkeit tatsächlich in der kommenden Legislatur umzusetzen. Auch in der ressortübergreifenden Landeskommission zur Prävention von Kinder- und Familienarmut seien in den letzten Jahren bereits Strategien entwickelt worden, die noch auf ihre Realisierung warten, so Susanne Gerull, Professorin für Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit mit den Schwerpunkten Armut, Arbeitslosigkeit und Wohnungslosigkeit.

Sozialräumliche und partizipative Ansätze ausbauen

Auch der Versuch, über sozialräumliche Ansätze, z. B. von Stadtteilzentren, Fortschritte zu erzielen, wird positiv bewertet, sollte aber deutlich beherzter angegangen werden als in vergangenen Wahlperioden, so die Wissenschaftlerinnen. „Die Anreize für eine niedrigschwellige, kommunale Gesundheitsförderung müssten über die Zusammenarbeit mit der sozialen Stadtteilentwicklung und dem Aktionsprogramm Gesundheit verstärkt werden”, meint Gesine Bär, Professorin für partizipative Ansätze in den Sozial- und Gesundheitswissenschaften. „Das gilt auch für partizipative Ansätze, z.B. über Familienforen oder im Bereich der stationären und ambulanten Kinder- und Jugendhilfe. In den vergangenen Jahren ist hier konzeptionell Wertvolles erarbeitet, aber selten realisiert worden. Dabei ist es zielführend, Nutzer_innen stärker einzubeziehen und Nutzer_innenforschung zu fördern.”
 
Die Neuentwicklung rund um das Bundesteilhabegesetz (BTHG) böte viele Möglichkeiten, aber auch zu bearbeitende Konflikte, betont Prof. Dr. Ulrike Eichinger, Professorin für Theorie und Praxis der Sozialpädagogik. Ein Prozess der nutzer_innenorientierten Umsetzung müsste unbedingt noch in die Prioritätenliste der Koalition aufgenommen werden, damit die politischen Intentionen, Kosten zu senken, nicht zu Lasten der Qualität gingen, die ebenfalls verbessert werden soll. Und neben der Entwicklung nachhaltiger Strategien, um dem eklatanten Fachkräftemangel entgegenzuwirken, bedürfe es ausfinanzierter qualifizierter Studien- und Ausbildungsgänge.
 
Zudem sollte gemeinsam mit den Hochschulen auf gute Arbeits- und Rahmenbedingungen für Mitarbeitende geachtet werden, so die Wissenschaftlerinnen. Damit können Qualität gefördert, berufliche Erfahrungen verarbeitet und  Erschöpfung vorgebeugt werden, wie dies zum Beispiel das Netzwerk ‚Qualitätsentwicklung in Wissenschaft und Praxis' (QE-WiPrax) in den Frühen Hilfen und im Kinderschutz zum Ziel hat. Das Netzwerk versammelt Expert_innen aus Wissenschaft und Praxis, die daran beteiligten Einrichtungen engagieren sich für eine demokratische und solidarische Praxis und Forschung in den Frühen Hilfen und im Kinderschutz.

Kita und Grundschule zusammendenken 

„Der im Sondierungspapier formulierte Ausbau von Kita-Plätzen ist ein guter Schritt in die richtige Richtung“, erklärt Anja Voss, Professorin im Studiengang Erziehung und Bildung in der Kindheit und Initiatorin der Stellungnahme SAGE und Covid 19. „Damit einher geht aber ein Mangel an qualifiziertem Personal, so dass eine langfristige Bindung von Mitarbeiter_innen und vor allem die Gewinnung pädagogischer Fachkräfte, z.B. über eine bessere Bezahlung, Verbesserungen der Angestelltenverhältnisse, Möglichkeiten zur Spezialisierung, fachliche Weiterbildungen oder entsprechende Kampagnen- und Öffentlichkeitsarbeit umgesetzt werden müsste.” Die Personalsituation in Kitas müsse aber nicht nur wegen des aktuellen Fachkräftebedarfs verbessert werden, sondern auch, um Qualitätsansprüchen an die pädagogische Arbeit gerecht zu werden, so Voss. Die im Sondierungspapier angeführten `Investitionen im Bildungsbereich´ sollten auch die Arbeitsbedingungen des pädagogischen Personals im schulischen Ganztag berücksichtigen, diese werden im Fachkräftebarometer als prekär beschrieben. 
 
Eine große Chance seien berufsintegrierte Weiterqualifizierungsmöglichkeiten und die Gewinnung von hochqualifiziertem Personal, z.B. für Organisationsentwicklungsprozesse und Fachberatung, neben pädagogischen Fachkräften in Kita, Kinder- und Jugendhilfe. Zudem gehe es um die Aus-, Weiter- und Fortbildung und – angesichts des Promotionsrechtes – auch um die Qualifizierung des akademischen Nachwuchses für Lehre und Forschung. Kita und Grundschule müssten in der zukünftigen Bildungspolitik des Landes Berlin stärker zusammengedacht werden. Dies beträfe vor allem den Auf- und Ausbau von übergreifenden Ausbildungs- und Studienformen, bspw. des Grundschullehramtes, der Kindheitspädagogik sowie der Sozialen Arbeit. Die notwendige Multidisziplinarität, wie sie zu Recht für die zukünftigen Herausforderungen auch seitens der angehenden Berliner Koalition gefordert wird, stelle sich allerdings nicht von selbst her, sie müsse im Habitus und in den Erfahrungen der relevanten Berufsgruppen fest verankert sein. Ein Angebot der ASH Berlin sei ein passender Masterstudiengang mit dem Schwerpunkt Pädagogik der Kindheit im Grundschulalter. Dieser würde z.B. für außerunterrichtliche Bildung und Betreuung qualifizieren aber auch für koordinierende Leitungspositionen und Fachberatung. 

Akademisierung von Pflege- und Therapieberufen fördern 

Kritisch wurde an der Alice Salomon Hochschule Berlin zur Kenntnis genommen, dass die Akademisierung der Pflege- und Therapieberufe unerwähnt bleibt. Gerade Berlin könnte hierbei punkten, immerhin existiert an der ASH Berlin ein Studiengang für Ergo- und Physiotherapie und an drei Standorten (ASH Berlin, Charité und Evangelische Hochschule Berlin) sind primärqualifizierende Pflegestudiengänge eingerichtet. „Diese Angebote müssen aber sehr viel stärker in der gesellschaftlichen und politischen Wahrnehmung platziert und wertgeschätzt werden”, so Gudrun Piechotta-Henze, Professorin für Pflegewissenschaft, Mitautorin der Stellungnahme SAGE und Covid19. „Dazu zählt auch, dass Studierende eine Finanzierung erhalten, etwa in Form von Stipendien oder durch monetäre Unterstützungen von Praxispartnern.” Ausbildung müsse man sich leisten können, beispielsweise sollten auch Eltern mit Kindern ökonomisch in der Lage sein, Pflege- und Therapieberufe zu studieren. „Soziale und Bildungsgerechtigkeit bedeuten, dass motivierte Personen von diesen Studiengängen nicht ausgeschlossen werden dürfen, weil sie es sich nicht leisten können, einen Vollzeitstudiengang mit vielen Praxisphasen zu absolvieren, der eine bezahlte Tätigkeit neben dem Studium nicht erlaubt”, meint Piechotta-Henze.
 
Quelle: Alice Salomon Hochschule Berlin

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