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Präventionsoffensive Mediensucht 2020

21.08.2020 Kommentare (1)

Eine Studie des Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf attestiert 10% der 10- bis 17-jährigen ein ein riskantes Spielverhalten sowie 8% eine riskante Nutzung sozialer Medien. Sie zeigt auch: Während des Lockdowns nahmen die Gamingzeiten um 75 Prozent zu. Die DAK hat daher eine Online-Anlaufstelle Mediensucht eingerichtet und startet gemeinsam mit dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte ein Mediensuchtscreening. Gleichzeitig startet eine Präventionskampagne der Bundesdrogenbeauftragten.

Die DAK-Gesundheit untersucht mit Suchtexperten am Deutsche Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf (UKE) in einer Längsschnittstudie mit rund 1.200 Familien erstmalig die krankhafte Nutzung von Computerspielen und Social-Media nach den neuen ICD-11 Kriterien der WHO. Auch die Folgen der Covid-19-Pandemie werden erforscht. Nun wurden erste Zwischenergebnisse veröffentlicht.

Erste Ergebnisse der Studie

Im September 2019 zeigen zehn Prozent der 10- bis 17-Jährigen ein riskantes Spielverhalten. Pathologisches Gaming wird bei 2,7 Prozent festgestellt: Die Zahl der betroffenen Jungen liegt mit 3,7 Prozent mehr als doppelt so hoch als bei Mädchen (1,6 Prozent).

Laut der DAK-Studie nehmen unter dem Corona-Lockdown die Nutzungszeiten deutlich zu. Im Vergleich zum September 2019 stieg im Mai 2020 die Spieldauer in der Woche um 75 Prozent an. Werktags kletterten die durchschnittlichen Gamingzeiten von 79 auf 139 Minuten an. Am Wochenende gab es einen Anstieg um fast 30 Prozent auf 193 Minuten am Tag. „Die Nutzungszeiten der Kinder und Jugendlichen haben die größte Vorhersagekraft für ein problematisches und pathologisches Verhalten“, sagt Professor Rainer Thomasius, Ärztlicher Leiter am Deutschen Zentrum für Suchtfragen. Ob die Mediensucht durch Schulschließungen und eingeschränkte Freizeitaktivitäten tatsächlich wächst, soll die Längsschnittstudie in einer abschließenden Befragung der teilnehmenden Familien im Frühjahr 2021 zeigen.

Ähnlich problematisch wie Online-Spiele sind Social-Media-Aktivitäten. Im September zeigen 8,2 Prozent der befragten Kinder und Jugendliche eine riskante Nutzung. Das entspricht hochgerechnet fast 440.000 der 10- bis 17- Jährigen. Eine pathologische Nutzung wird bei rund 170.000 Jungen und Mädchen (3,2 Prozent) festgestellt. Unter dem Corona-Lockdown stiegen die Social-Media-Zeiten werktags um 66 Prozent an – von 116 auf 193 Minuten pro Tag. Gaming und soziale Medien werden vor allem genutzt, um Langeweile zu bekämpfen oder soziale Kontakte aufrecht zu erhalten. Rund ein Drittel der Jungen und Mädchen will online aber auch der „Realität entfliehen“ oder Stress abbauen. Laut Studie geben 50 Prozent der Eltern an, dass es in ihrer Familie vor und unter Corona keine zeitlichen Regeln für die Mediennutzung gibt.

„Wir brauchen ein Frühwarnsystem gegen Mediensucht“

„Unsere Studie zeigt, dass wir dringend ein verlässliches und umfassendes Frühwarnsystem gegen Mediensucht brauchen“, sagt DAK-Vorstandschef Andreas Storm. „Es darf nicht länger Zufall sein, Risiko-Gamer zu erkennen und ihnen Hilfsangebote zu machen. Als Vorreiter bei der Vorsorge bietet die DAK-Gesundheit deshalb als bundesweit erste Krankenkasse ein neues Mediensuchtscreening an.“

In einem Pilotprojekt mit dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) gibt es bei 12- bis 17-Jährigen eine neue zusätzliche Vorsorgeuntersuchung. In den fünf Bundesländern Bremen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen können ab 1. Oktober 2020 rund 70.000 Jungen und Mädchen die Früherkennung ergänzend zur J1 und J2 nutzen. Grundlage für das Mediensuchtscreening ist die so genannte GADIS-A-Skala (Gaming Disorder Scale for Adolescents), die von Suchtforschern des UKE Hamburg entwickelt wurde und jetzt erstmals in der Praxis eingesetzt wird. „Dieser Schritt ist für Eltern und Ärzte gleichermaßen sehr wichtig, denn Computerspielsucht ist ein wichtiges Gesundheitsthema bei Kindern und Jugendlichen“, sagt Dr. Sigrid Peter, Vizepräsidentin des BVKJ. „Die Einbettung des Screenings in die regulären Vorsorgeuntersuchungen hilft dabei, eine drohende Sucht frühzeitig zu erkennen und gegenzusteuern.“

Neue Online-Anlaufstelle Mediensucht

Als zusätzliches Hilfsangebot hat die DAK-Gesundheit gemeinsam mit der Computersuchthilfe Hamburg eine neue Online-Anlaufstelle Mediensucht entwickelt. Ab August 2020 erhalten Betroffene und deren Angehörige unter www.computersuchthilfe.infoInformationen und Hilfestellungen rund um die Themen Online-, Gaming- und Social-Media-Sucht. Das kostenlose DAK-Angebot ist offen für Versicherte aller Krankenkassen. „Die neue Anlaufstelle hilft Kindern im Umgang mit Online-Medien und gibt deren Eltern gleichzeitig Orientierung“, sagt Vorstandschef Storm.

Präventionskampagne „Familie.Freunde.Follower“

Wichtiger denn je ist, die Medienkompetenz und den bewussten Umgang mit Smartphones und Co. gerade von Kindern und Jugendlichen zu stärken. Dabei helfen soll die neue Kampagne der Drogenbeauftragten Ludwig und Staatsministerin Bär „Familie.Freunde.Follower“.

Die Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung, Staatsministerin Dorothee Bär sagt: „Es ist wichtig, Kindern schon im Grundschulalter den verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien beizubringen. Da es allerdings für Eltern nicht immer ganz einfach ist, für ihre Kinder die richtige Balance für einen sinnvollen Medienkonsum zu finden, möchten wir Familien mit unserer Kampagne "Familie.Freunde.Follower" praktische Alltagstipps vorschlagen.“

Neben klassischen Informationsmaterialien wie Plakaten und Flyern gibt es eine umfangreiche Webseite mit hilfreichen Tipps und Empfehlungen des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte: www.familiefreundefollower.de

Quelle: Drogenbeauftragte der Bundesregierung vom 29.07.2020

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Kommentare (1)

Angelika Mauel 02 September 2020, 15:06

Eltern behinderter Kinder haben manchen Kampf mit ihrer Krankenkasse auszufechten, damit Hilfsmittel oder Therapien für ihr Kind bezahlt werden. Vor diesem Hintergrund finde ich es fragwürdig, nach welchen Kriterien Krankenkassen Förderprogramme im Rahmen der Prävention finanzieren. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass etliche als "mediensüchtig" angesehene Jugendliche nach ein paar Jahren von selbst Abstand von dem gewannen, was ihnen für lange Zeit wichtig war. Sie haben wichtige Lernerfahrungen gemacht und ein Fachwissen erworben, das Respekt verdient.
Wenn das so weitergeht, können wir demnächst an jedes unerwünschte Verhalten die Silbe "Sucht" anhängen. Solange eine so genannte "Mediensucht" noch nicht als eigenständige Krankheit gilt, hoffe ich sehr, dass Krankenkassen sich darauf besinnen, dass es ihre Aufgabe ist, für die bestmögliche medizinische Versorgung von Kranken zu sorgen.

In diesem Sinne: Die Förderprogramme "Papilio" und "Jolinchen" sind meiner Meinung nach für Kinder und den Alltag in den Einrichtungen längst nicht so bedeutsam wie es uns vermittelt wird. Bevor wieder ein Träger seine Erzieherinnen allesamt "zertifizieren" lassen möchte: Nehmt euch die Zeit, die Unterlagen vorher zu lesen!

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