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Mediennutzung von Kindern im Lockdown

02.02.2021 Kommentare (0)

Medienpädagogik-Expertin rät zu Gelassenheit: Auf Chancen der Digitalisierung besinnen  – Beteiligung als Schlüssel zu mehr Sicherheit – Vertrauen in „Digital Natives“ haben

München, 2. Februar 2021. Am 9. Februar 2021 ist Safer Internet Day. Der von der Europäischen Kommission ausgerufene Aktionstag für mehr Online-Sicherheit gewinnt in Lockdown-Zeiten zusätzlich an Bedeutung – vor allem im Hinblick auf Medienbildung und Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen. Denn das Internet ist der Ort, an dem sich junge Menschen momentan hauptsächlich „aufhalten“: lernen in der „Home School“ findet ebenso online statt wie Freizeitgestaltung über Spiele und Apps oder soziale Kontakte über Social Media. Dieses Übergewicht an Medienzeit verunsichert viele Eltern, auch weil ihnen selber oft entsprechende Medienkompetenzen und -erfahrungen fehlen. „Digitale Medien bieten insbesondere in der momentan so schwierigen Situation mehr Chancen als Risiken -  auch und gerade für junge Menschen“, plädiert Dr. Karen Silvester, Expertin für Medienbildung bei SOS-Kinderdorf dagegen für eine gelassenere Haltung. Im Interview erläutert die Diplom-Pädagogin, worauf Eltern trotzdem achten sollten, wie ein Katzenbild Medienkompetenz fördert und warum es Sinn macht, einfach mal gemeinsam mit den Kindern ein TikTok-Video aufzunehmen. 

Sicherheit für Kinder und Jugendliche im Netz ist momentan ein heißes Thema - denn junge Menschen verbringen im Lockdown sehr viel mehr Zeit online. Viele Eltern besorgt das. Wie schätzen Sie die Situation ein?  

Es stimmt: Schule, Hobbys, Zusammenkünfte mit Freunden und Unterhaltung finden in der Tat fast ausschließlich digital statt. Doch auch wenn sich manche Eltern vom digitalen Wirbelsturm „überrumpelt“ fühlen, sollten sie sich doch klarmachen: Dies ist in der aktuell schwierigen Gesamtsituation mehr Chance als Risiko! Denn selbst für jüngere Kinder stellen soziale Medien eine wichtige Möglichkeit dar, in Kontakt zu bleiben, sich mit Gleichaltrigen über die schwierige Lage auszutauschen und sich für die Schule zu informieren. Wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, wie anstrengend und angstbesetzt diese Zeit gerade für Kinder ist. Aus Kinderzimmern wurden Klassenzimmer; die Schule verlangt nach wie vor Leistungen - die Freizeit- und Ausgleichsmöglichkeiten dazu sind jedoch drastisch eingeschränkt, insbesondere das Treffen von Freund*innen fehlt vielen sehr. Ohne den digitalen Dialog möchte man sich die aktuelle Situation für junge Menschen gar nicht vorstellen. 

Worauf sollten Eltern bei allen Chancen der Digitalisierung trotzdem achten? 

Natürlich gibt es auch weiterhin Risiken. Am besten begegnen Eltern diesen planvoll und offen, und vor allem ohne Panik. Social Media ist weder die Büchse der Pandora noch ein Buch mit sieben Siegeln. 

Im ersten Schritt können Eltern entscheiden, mit welchem Gerät Kinder ins Internet gehen: Darf es ein eigenes Handy sein – oder ist es der Familien-PC, der sich einfacher kontrollieren lässt? Im zweiten Schritt braucht es eine Wahl über die Kindersicherungen, die es in Vielzahl gibt und die altersgerecht angewendet werden können: Vereinbarungen über Mediennutzungszeiten, Blacklists, Gewalt-Filter, Zeitsperren, Ad-Blocker, Virenschutz, Zahlungseinstellungen etc. Diesem Schritt sollte man sich mit Bedacht und Sorgfalt widmen und auch mit dem Partner und vor allem den Kindern selbst offen besprechen. Beteiligung an dem, was ihnen in der digitalen Welt erlaubt ist und was nicht, ist auch der Schlüssel zu mehr Sicherheit – denn nur so entsteht Akzeptanz für die Schutzeinstellungen sowie ein natürlicher Austausch über das digitale Umfeld und Tun der Kinder. Das Reden über die Medieninhalte, das Aushandeln von Grenzen auch in der digitalen Welt und natürlich immer wieder das gemeinsame Anwenden schaffen die beste Vertrauensbasis – und somit auch den besten Schutz vor etwaigen Gefahren im Netz. 

Viele Jugendliche kompensieren den fehlenden Kontakt zu Freund*innen per Social Media. Neue Kontakte machen, Persönliches preisgeben, Fotos oder Videos teilen – das fasziniert und begeistert viele und verstellt leicht den Blick auf mögliche Gefahren. Wie schafft man es, für etwaige Risiken zu sensibilisieren?

Ich halte das Gros der Jugendlichen in diesem Punkt für sehr verantwortungsbewusst. Jugendliche sind mit diesem Medium aufgewachsen und kennen die heiklen Aspekte der Nutzung – vielleicht weil sie selber schon mal „reingefallen“ sind und ein peinliches Bild in Umlauf kam. Den Satz „Das Netz vergisst nicht“ können Eltern aber leicht anhand eines Testbildes demonstrieren: sie laden ein harmloses Katzenbild auf Facebook hoch und beobachten gemeinsam, was damit passiert. Das ist in jedem Fall eindrücklich und gerät sicher nicht in Vergessenheit! Themen, die Eltern besprochen haben sollten, sind: Rechte am eigenen Bild, falsche Identitäten, Datenschutz, Hate-Speech, Verherrlichung von Gewalt, Sexting und Fake News. Wir Erwachsenen haben im übrigen (hoffentlich) das gleiche gelernt: Vertraue nicht blind. Steig nicht zu Fremden ins Auto. Beleidigungen sind die Argumente derer, die Unrecht haben. Gewalt ist die Waffe des Schwachen…Was ich sagen will: Es geht um Themen, die zum Großwerden gehören – egal ob on- oder offline! 

 TikTok, Insta, YouTube – die meisten Eltern können diesen Plattformen rein gar nichts abgewinnen, halten sie gar für gefährlich. Was sagen Sie?

Konnten unsere Eltern nachvollziehen, was so großartig an MTV war? Nein. Und so wird es immer bleiben. Das heißt: Wenn wir Entwicklung von Kultur und Gesellschaft haben wollen, brauchen wir diesen Dissens der Generationen. TikTok und Co sind vor allem Entertainment – da sollten wir uns nicht einmischen, solange die Inhalte jugendfrei sind. Nicht einmischen heißt aber niemals wegschauen. Auch bei Jugendlichen hilft eine Mischung aus Vertrauen, echtem Interesse und gemeinsamem Tun: nachfragen und zuhören, mal gemeinsam die Plattform nutzen, sich neue Trends zeigen lassen und sie nicht gleich abtun  – das schafft eine Vertrauensbasis und so werden Eltern in der Regel auch mitbekommen, wenn etwas falsch läuft.

Haben Sie Tipps, wie man die Mediennutzung in dieser Ausnahmesituation strukturieren oder gestalten sollte, gibt es Richtwerte für die Mediennutzungszeit oder die Art der Inhalte? 

Insbesondere in einer Ausnahmesituation braucht es Struktur und Halt. Ein einheitliches Rezept aber, das für jedes Kind oder jede Familie passt, wird es nicht geben. Deshalb würde ich es eher von der Bedürfnisseite angehen: Dem Bedürfnis nach Ruhe, Spiel, Abwechslung, Austausch, Bewegung, Schlaf… Medienzeit ist nicht mehr gleichzusetzen mit „Vergnügen“. Für manche Kinder ist bereits der Onlineunterricht so anstrengend, dass sie erst nach einer langen Pause nochmals einer Bildschirmaktivität nachkommen sollten. Warnsignale für eine digitale Überforderung können Kopfschmerzen, Weinerlichkeit, Müdigkeit, Gereiztheit etc. sein. Die Richtschnur ist also immer das Befinden des individuellen Kindes.

Welche Alternativen zur erhöhten Mediennutzungszeit sehen Sie?

Was wir wohl alle in der momentanen Situation dringend brauchen ist, uns immer wieder mal zu erden. Das Wetter zu spüren, die Veränderung der Natur wahrzunehmen, zu merken „die Welt dreht sich weiter – es geht weiter“. Deshalb ist jede Minute im Freien wertvoll. Gerade jetzt  – und für Eltern sowie Kinder gleichermaßen. 

Quelle: SOS-Kinderdorf e.V.

 

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