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mehrere Kinder

Männer müssen auf der Hut sein

Jan Peeters

30.11.2012 Kommentare (2)

Das Beiheft der neuen Ausgabe von Betrifft Kinder "Kinder in Europa" befasst sich mit dem in Deutschland viel diskutierten Thema Männer als Väter und als Mitarbeiter in Kitas. Das Heft gibt einen Einblick in den Umgang mit dem Thema in mehreren europäischen Ländern. Dabei wird auch ein Thema bearbeitet, was in Deutschland häufig ausgespart wird: Wie schwer es Männer haben, gegen den Verdacht des körperlichen Übergriffs anzugehen.

Der belgische Autor fragt, warum in der Kinderbetreuung Pflegehandlungen von Frauen, aber nicht von Männern akzeptabel sind.

 Gegen Ende des Jahres 2010 wurden die Niederlande von einem entsetzlichen Fall sexuellen Missbrauchs in einer Amsterdamer Krippe erschüttert – begangen von einem Mann. In der Presse wurde in Frage gestellt, dass Männer junge Kinder betreuen. Sind Männer in Krippen nützlich? Oder sind sie ein Risiko?

Beteiligt an Aktionen und Studien für mehr Männer in Kitas, berührte mich dieser Missbrauchsfall sehr. Neben dem Wirbel, den die Presse verursachte.

Unmittelbar nach dem Erscheinen der Beiträge erhielt ich diverse Mitteilungen von Männern, mit denen ich seit 2001 zusammenarbeite. Sie berichteten mir, dass sie zum ersten Mal seit Jahren negative Reaktionen von Eltern und Freunden erlitten. Ihre professionelle Identität wurde angezweifelt: Arbeit mit Kleinkindern sei keine Männersache. Für viele Männer in Krippen, obwohl lange im Beruf, brachen harte Zeiten an.

Mit der Zeit erlosch das Interesse der Presse. Auch in Flandern gab es keine allzu hysterischen Reaktionen. Behörden und Eltern vertreten weiterhin ihre positive Grundeinstellung gegenüber Erziehern.

In angelsächsischen Ländern ist die Situation problematischer. Jeder einzelne Fall von Pädophilie im Zusammenhang mit Kindertagesbetreuung wird von der Presse skandalisiert und bewirkt eine Abwehrreaktion gegenüber Männern im Erziehungsbereich. Nach einem Missbrauchsfall in London im Juni 2011 schrieb die „Daily Mail“, dass männliche Erzieher keine kleinen Kinder waschen sollten. Als die Presse in Neuseeland über einem Missbrauchsfall in den 1990er Jahren ausführlich berichtet hatte, fiel der Männeranteil von 2 auf 1 Prozent. Welche Wirkung der neueste Fall in den Niederlanden auf die Anzahl der Bewerber im Erzieherberuf hat, bleibt abzuwarten. Deshalb sollten wir gerade jetzt klären, warum Männer in Krippen und Kindergärten gebraucht werden.

 Erstens wirken Männer in der frühkindlichen Bildung beispielgebend für Eltern. Sie zeigen Müttern wie Vätern, dass Kinderpflege keine Frauensache ist. Jungen Vätern mangelt es oft an Rollenmodellen. Deshalb können männliche Mitarbeiter nützlich sein. Krippen und Kindergärten sind eine Welt für sich, eine weibliche Welt, die Väter verunsichern kann, wenn sie ihre Kinder bringen oder abholen. Erzieher kommen mit Vätern leichter ins Gespräch und tragen dazu bei, Einrichtungen väterfreundlich zu gestalten.

Zweitens eröffnen gemischte Teams Männern und Frauen die Chance, voneinander zu lernen. Beide gehen anders mit Kindern und Eltern um. Aus der Forschung wissen wir, dass die Praxis dadurch bereichert wird.

Männer pflegen einen anderen Umgang mit Kindern und bieten ihnen deshalb mehr Erfahrungsmöglichkeiten. Der soziale Experimentierraum der Kinder wird erweitert. Dass ein Kita-Team gemischt ist, kann zu einer Arbeitskultur beitragen, in der Männer und Frauen sich die Aufgaben gleichberechtigt teilen. Das ist ein wichtiger Schritt in Richtung Chancengleichheit, den die Kinder miterleben. Viele Experten gehen davon aus, dass Kinder angesichts dieses Erlebens mehr Bereitschaft zeigen, als Erwachsene Hausarbeit und Kindererziehung gerecht zu verteilen.

Drittens wird es der Überalterung unserer Gesellschaft wegen immer wichtiger, aber auch schwieriger, Pflegekräfte zu finden, wenn ausschließlich Frauen gesucht werden. Nicht wenige Frauen, die heute in Rente gehen, sind gering qualifiziert. Wer jetzt in den Arbeitsmarkt betritt, ist oft besser ausgebildet. In Zukunft wird es also schwieriger sein, Frauen mit niedriger Schulbildung für die Kinderbetreuung zu finden.

Männer müssen wachsamer als Frauen sein

Eine englische Studie aus dem Jahr 1999 belegt, dass Erzieher schwerer von Eltern und Kolleginnen akzeptiert werden. Darüber hinaus müssen sie permanent mögliche Anschuldigungen wegen Pädophilie befürchten.

Eine Studie, an der ich beteiligt war, weist für Flandern jedoch aus, dass die Mehrheit der Eltern Männer in Kitas ausdrücklich begrüßt. Einige Eltern, die anfangs eher zurückhaltend reagierten, äußerten sich schließlich gleichermaßen positiv. Schwierig war die Anwesenheit eines Erziehers für Eltern, die aus Ländern mit anderen kulturellen Hintergründen stammen. Sie benötigten mehr Zeit, um sich an den männlichen Profi als Partner zu gewöhnen. Doch auch ihre Zurückhaltung schwand.

 Nichtsdestotrotz erleben flämische Erzieher, dass ihnen nicht immer getraut wird. Eine Mutter bezweifelte, dass der ausgebildete Erzieher bei ihrem Kind Fieber messen könnte. Ein anderer Mann, der mit Kindern aus Migrantenfamilien arbeitet, entschied sich, mit neun- bis zwölfjährigen Kindern zu arbeiten, weil manche Eltern es befremdlich fanden, dass er für die Pflege der Jüngsten zuständig war.

Alle befragten Männer – mit einer Ausnahme – gaben an, nie Vorbehalten wegen eventuellen sexuellen Missbrauchs begegnet zu sein. Doch rund 20 Prozent meinten, sie müssten aufpassen. Schmusen Erzieherinnen mit Kindern oder führen bestimmte Handgriffe aus, finden Eltern das normal. Tut ein Erzieher das, erregt er Verdacht: „Danach[1] habe ich die Reaktionen der Eltern gefürchtet. Ich hatte Angst, sie würden mich für pädophil halten. Als Mann musst du immer auf der Hut sein, wenn du in Körperkontakt mit den Kindern kommst. Nimm zum Beispiel den zweijährigen Jungen bei uns, der noch nicht richtig laufen kann. Den möchte ich gern hochheben und ihm einen Kuss geben. Aber ich mache das lieber nicht, denn es könnte sein, dass ich bei den Eltern und Kolleginnen einen falschen Eindruck erwecke.“

 Solche Fragen tauchen schon während der Ausbildung auf. Misstrauen beeinflusst das Verhalten der Männer, obwohl sie das bedauern. Junge Männer, die sich wohl im Beruf fühlen, schauen besorgt in die Zukunft: „Wenn ich erst älter, so um die vierzig bin, muss ich mir wohl einen anderen Job suchen. Ich fühle, die Menschen werden nicht akzeptieren, dass ein älterer Mann in der Kinderarbeit steckt. Es ist schade, aber wahr.“

Ein Beispiel dafür, dass ein Verhalten der Erzieherin akzeptiert wird, bei einem Erzieher aber verdächtig erscheint, berichtete ein Auszubildender, dessen Mutter jahrzehntelang als Tagesmutter gearbeitet hatte. Wenn sie kleinen Jungen die Windeln wechselte und die Kinder wusch, pustete sie auf die kleinen Penisse und brachte die Babys dadurch zum Lachen. Während seines Praktikums machte der junge Mann es auch so, wurde von der Anleiterin aber sofort getadelt. Er nahm das nicht ernst, weil seine Mutter ihr ganzes Berufsleben lang so gehandelt hatte, ohne dass jemand daran Anstoß nahm. Weil seine Handlungsweise der Schule gemeldet wurde, musste er sich dort rechtfertigen. Schließlich verweigerte man ihm das Abschlusszeugnis mit dem Hinweis auf sein „gefährliches“ Verhalten.

Ist mehr Distanz besser?

Männer scheinen vorsichtiger mit Körperkontakt und Gefühlsäußerungen gegenüber Kindern umzugehen. Die Gefahr besteht, dass sie sich für den geringsten möglichen Kontakt entscheiden – zur Sicherheit der Kinder und aus Angst vor Diskriminierung. Befürworter solchen distanzierten Verhaltens weisen oft auf die notwendige „professionelle“ Haltung hin, die auch in medizinischen oder Justizberufen erforderlich ist: Fachkräfte dürfen sich nicht persönlich auf die Klienten einlassen.

Studien belegen jedoch, dass diese Forderung nicht sinnvoll ist. Ein Mensch, der mit jungen Kindern arbeitet, kann nicht abseits und in Distanz verharren. Er oder sie muss emotional mit den Kindern und Eltern umgehen. Damit sind Gefahren verknüpft. Deshalb müssen alle Kinderbetreuer darauf achten, sich nicht von ihren Gefühlen leiten zu lassen. Freundliche Worte, Schmusen und Trost dürfen nur dem Wohl des Kindes dienen, nicht der Befriedigung eigener Bedürfnisse.

Die Fähigkeit, Gefühle im Umgang mit Kindern zu zeigen, ist wichtig. Verhaltensvorschriften, die für mehr Distanz sorgen sollen, bergen ernste Risiken. Einige französische Autoren warnen vor „einer gewissen Entmenschlichung“. Aus meinen Forschungen weiß ich, dass unpersönliche Handlungsweisen gegenüber Kindern und Eltern deren Abwehr hervorruft. Darum plädiere ich für eine „warmherzige“ Professionalität, denn frühkindliche Betreuung kommt ohne Gefühlsäußerungen nicht aus.

Es ist nicht leicht, so etwas wie „Liebe“ und „Sorge“ in die pädagogische Professionalität zu integrieren. Doch Studien zeigen, dass „Kinder zu lieben“ einer sehr befriedigender Aspekt der Arbeit in der Kinderbetreuung ist. Wenn man „Liebe“ und „Sorge“ anders als üblich definiert, kann man den Status quo verändern, der die Kinderbetreuung von der Professionalisierung abhält. Zugleich würde damit begünstigt, dass Pflegehandlungen nicht länger als Persönlichkeitsmerkmale von Frauen erscheinen, sondern als Teil einer Reihe von Kompetenzen, die jeder Mensch sich aneignen kann.

Für Männer in diesem Bereich wäre dies eine sichere Ausgangsposition. Klarer wäre herausgearbeitet, welcher Körperkontakt zu Kindern akzeptabel und notwendig ist. Das wäre zugleich ein Handlungsrahmen für Frauen, denn es ist sicher nicht zu akzeptieren, dass ein bestimmtes Verhalten bei Erzieherinnen als nett und warmherzig wahrgenommen wird, bei Erziehern hingegen als verdächtig.

Jan Peeters forscht an der Universität von Gent in Belgien.



[1] Nach einem Fall von Missbrauch

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Kommentare (2)

toberg 17 Januar 2013, 17:12

ich finde diesen artikel sehr interessant. auch mir als männl. erzieher in einer KiTa wurden vorurteile bei meiner einstellung entgegengebracht, die sich mittlerweile vollkommen zerschlagen haben.

aber was soll das beispiel mit dem küssens-wunsch gegenüber einem zweijährigen? alle kinder haben die möglichkeit sich an mich zu kuscheln, oder auf meinen arm zu kommen, aber ich nehme doch keinen zweijährigen und küsse ihn, weil er so süss aussieht!

Annette Mennicke 17 Dezember 2012, 12:20

Sehr geehrter Herr Peeters,

irritiert habe ich Ihre Aussage zur Kenntnis genommen, dass es „n Zukunft [...] also schwieriger sein [wird], Frauen mit niedriger Schulbildung für die Kinderbetreuung zu finden.“

Gerade im Zuge der derzeitigen Akademisierung des pädagogischen Personals kann ich Ihrem Gedankengang nicht folgen. Ist es Ihrer Meinung nach notwendig, dass KinderbetreuerInnen eben nicht akademisch gebildet sind? Bewusst schließe ich sowohl Frauen als auch Männer ein, indem ich von „KinderbetreuerInnen“ spreche schließlich bezieht sich Ihr Beitrag auf die männlichen KinderbetreuerInnen.

Mit freundlichen Grüßen

Annette Mennicke
Diplom-Pädagogin BDDP

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