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zwei U3 Kinder

Macht Schweinefleisch-Essen schmutzig?

Corinna Willke

22.10.2015 Kommentare (0)

Inhalt
  1. Interkulturelle Werteerziehung im Sinne des Weltethos
  2. Was ist zu tun?
  3. Schwierige Situationen meistern
  4. Interkulturelle Erziehung

Interkulturelle Werteerziehung im Sinne des Weltethos

Die Stiftung „Weltethos“  ist interkulturell und interreligiös orientiert. Es geht ihr darum, ein Bewusstsein für grundlegende Werte in allen Teilen der Gesellschaft zu schaffen. Hierfür soll ein Orientierungswissen und Handlungsverständnis über andere Kulturen und Religionen vermittelt werden. Der Artikel bietet einen Einblick in die konkrete Arbeit. 

Zum Einstieg eine Situation, wie sie heute schon im Kindergartenalltag vorkommt: Ein Kind muslimischen Glaubens sagt zu einem nicht-muslimischen Kind: „Du Schweinfleisch-Fresser! Du bist schmutzig, weil du Schweinefleisch isst!“  Das beschimpfte Kind ist völlig entgeistert und weint. Wie soll man als Erziehungsperson damit umgehen? Woher kommt diese in einem Schimpfwort ausgedrückte Feindseligkeit?

Vor fast zehn Jahren las ich das Buch „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ von Jan Weiler. Dort wird beschrieben, wie der Schwiegervater des Autors in den 1950/60er-Jahren nach Deutschland kam und welchen Vorurteilen er als Italiener (mit christlichem Glauben!) ausgesetzt war. Ich war schockiert! „Antonio“ hat sich einiges gefallen lassen müssen, was mich bewegt hätte, Deutschland schnell wieder zu verlassen oder wenigstens für immer zu hassen. Man kann sich ausmalen, wie es z.B. den türkischen Einwanderern mit ihrem „fremden“ muslimischen Glauben erging und oft bis heute ergeht. Vor einem halben Jahrhundert hat Deutschland türkische Gastarbeiter in großem Stil angeworben: Sie sollten „arbeitende Gäste“ sein und später wieder in ihre Heimat zurückkehren. Da sie aber Menschen waren wie du und ich, wurden sie mit ihren Familien hier ansässig, bekamen Kinder und Enkel, die hier aufwuchsen. Ihren Glauben durften sie aber nur in improvisierten Moscheen, z.B. in Industriegebieten, möglichst weit weg von den Zentren deutscher Städte (also auch von der Mitte der deutschen Gesellschaft) leben. Heute beschweren wir uns, dass wir keinen Einblick bekommen, was in den Moscheen gelehrt wird und dass sich viele muslimische Kinder und Jugendliche nicht allzu sehr für die deutsche „Kultur“ interessieren, ja ihr mitunter sogar feindlich gegenüberstehen.

Was ist zu tun?

Die Aufgabe vor der wir alle heute stehen, ist, Angehörige anderer Religionen und Kulturen einzuladen, hier mitten unter uns zu leben. Eine „Willkommenskultur“ ist von Nöten: eine Mentalität, welche den Menschen, die hier leben, Raum gibt, mit ihrem Glauben und ihrer Kultur auch heimisch zu werden. Eine moderne, humanistische Gesellschaft, die weltoffen und aufgeklärt ist, eine Gesellschaft, die den „Anderen“ zunächst einmal als Mitmenschen sieht, nicht als „Muslim“, „Hindu“ oder „Afrikaner“.

Das heißt natürlich nicht, dass wir unsere „christliche“ oder eben auch atheistische Identität aufgeben müssten! Nein, gerade nicht! Weil wir Christen sind bzw. weil wir aufgeklärte Menschen sind, welche die Menschenrechte befürworten, möchten wir „den Nächsten“, d.h. auch „den Fremden“, der nun unser Nachbar ist, menschlich behandeln. So wie wir auch gerne behandelt werden wollen. Damit sind wir beim Herzstück des „Weltethos“ angelangt: dem Menschlichkeitsprinzip und dem Gegenseitigkeitsprinzip, formuliert in der berühmten Goldenen Regel: „Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg’ auch keinem andren zu!“ Neben den oben genannten Prinzipien einigten sich in der „Erklärung zum Weltethos“ beim Parlament der Weltreligionen (1993, in Chicago) Vertreter aller Religionen auf folgende gemeinsame ethische Werte: • Du sollst nicht töten! (Gewaltlosigkeit in Wort und Tat), • Du sollst nicht stehlen! (Solidarität und Gerechtigkeit), • Du sollst nicht lügen! (Toleranz und Wahrhaftigkeit) und • Du sollst Sexualität nicht missbrauchen! (Gleichberechtigung und Partnerschaft).

Dieser „Weltethos-Wertekanon“ hilft auch ganz praktisch überall da, wo Menschen verschiedener Herkunftskulturen und -religionen aufeinander treffen: Wenn z.B. muslimische Eltern überzeugt werden müssen, dass die Kita ihren Kindern keine „westlichen“ Werte oktroyiert, sondern sich an religionsübergreifenden gemeinsamen Werten orientiert, ist das in der Praxis sehr hilfreich. Es schafft eine Vertrauensbasis, die interkulturelle Verständigung erst möglich macht. Unverzichtbar ist dabei natürlich ein Grundwissen über andere Religionen. Es ist der Stiftung Weltethos ein zentrales Anliegen, gerade den Menschen, die im pädagogischen Bereich tätig sind, Hilfestellung in ihrem interkulturellen und interreligiösen Arbeitsalltag anzubieten. In Fortbildungen informiert die Stiftung über die Weltreligionen, die Inhalte des Weltethos, und darüber, welche Erfolge interkulturelle Werteerziehung zeitigen kann. Sie gibt Tipps aus der Praxis für den Umgang in konkreten Konfliktsituationen und bietet ein Forum für den Erfahrungsaustausch (siehe Kasten).

Schwierige Situationen meistern

Zurück zu unserer Situation vom Anfang. Was tun, wenn ein muslimisches Kind ein anderes Kind als „Schweinefleisch-Fresser“ bezeichnet. Ehrlich gesagt: Ich erinnere mich, wie „wir Deutschen“ in der Schulzeit italienische Einwandererkinder manchmal als „Spaghetti-Fresser“ beschimpften. Diesen Ausdruck finden wir heute nicht mehr schlimm, denn „wir Deutschen“ sind ja selbst zu fleißigen Pizza- und Pasta-Essern geworden. Nun wird der Spieß umgedreht und wir müssen uns fragen: Wie empfinden „wir Deutschen“ es, als „Schweinefleisch-Fresser“ bezeichnet zu werden? Genau: Es verletzt uns! Denn: wir selbst und unsere Kultur werden zurückgewiesen! „Schweinefleisch- oder Spaghetti-Fresser“ fallen in andere Kategorie von Beleidigung als, sagen wir, „Du Blödi!“. Letzteres bezieht sich nur auf die angesprochene Person. Ersteres nimmt eine ganze Gruppe ins Visier. Daher fühlen sich Erziehungspersonen hier meist „mitbeleidigt“ und es fällt schwer, wie in anderen „nicht-religiösen“ bzw. „nicht-kulturellen“ Streitsituationen objektiv zu bleiben und nicht emotional zu reagieren.

Dennoch sollte man – so wie in anderen Konfliktsituationen auch – als neutraler Streitschlichter auftreten. Zusätzlich zum üblichen Schlichten kommt jedoch die Erklärung hinzu, dass viele Muslime (und Juden) aus religiösen Gründen kein Schweinefleisch essen und dass Nicht-Muslime dies aber trotzdem dürfen, ohne schmutzig zu sein. Dabei hilft es auch, den Blick noch weiter zu öffnen, zum Beispiel dahin, dass Hindus aufgrund ihres Glaubens kein Rindfleisch essen und dass es viele (nicht nur religiöse) Gründe gibt, bestimmte Lebensmittel nicht zu essen, wie z.B. bei vielen Vegetariern oder Veganern. Und dass die persönliche Entscheidung eines Jeden, was er isst oder nicht isst, von anderen respektiert werden muss.

Interkulturelle Erziehung

Nun ist es ja so, dass Kinder nicht von selbst auf solche Ausdrücke kommen. Sie bringen es von zu Hause mit. In der verletzenden Beschimpfung „Schweinefleisch-Fresser“ kommt in den meisten Fällen mehr der Frust über die ein Leben lang gefühlte Zurückweisung durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft zum Ausdruck, als eine generelle muslimische Grundhaltung gegenüber der deutschen (Ess-)Kultur oder etwa der christlichen Religion. Ein historisches Verständnis hilft uns von unserer etwaigen Forderung: „Die sollen sich erst mal integrieren“ wegzukommen und zu einer Haltung: „Ihr seid willkommen hier“ zu gelangen. Uns muss klar sein, dass wir unter Umständen eine oft jahrzehntelange gesellschaftliche Zurückweisung in den Köpfen der Anderen überwinden müssen. In multikulturellen Kitas bietet der Weltethos-Ansatz eine solide Basis für eine kultur- und religionsübergreifende Werteerziehung. Da das „Weltethos“ ein ethischer Grundkonsens ist, kann er auch von nicht-religiösen Menschen gelebt werden.

Die Stiftung Weltethos bietet bei der Umsetzung von interkultureller Werteerziehung folgende Materialien:

  • „Weltethos für 4-bis 8-jährige Kinder. Ethisches Lernen in Kindergarten und Grundschule“: Spiele, Geschichten und anderes, was Kinder gemeinsame Werte auf kreative und kindgerechte Weise „erfahren“ lässt.
  • „Verschieden und doch gleich. Weltethos im Kindergarten“ entstand aus einem einjährigen Projekt in einem Wiener Kindergarten und zeigt, wie das Thema Werte nachhaltig und fantasievoll mit Kleinkindern erarbeitet werden kann.

Aktuelle Informationen sowie Materialien auf der Stiftungs-Homepage: www.weltethos.org

Wir übernehmen den Beitrag mit freundlicher Genehmigung der Redaktion von TPS.

 

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