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mehrere Kinder

Kita und Grundschule gemeinsam im Blick

Erika Berthold, Frauke Hildebrandt, Susanne Scheib

02.03.2011 Kommentare (0)

Der Gemeinsame Orientierungsrahmen für die Bildung in Kindertagesbetreuung und Grundschule (GOrBIKs) ist ein Projekt des Landes Brandenburg im Verbund mit TransKiGs. Er wurde vor einem Jahr von einer Kommission entwickelt, der Praktikerinnen aus Kita und Grundschule, Experten aus der Wissenschaft und Fachleute aus der Verwaltung angehörten. Dr. Frauke Hildebrandt und Susanne Scheib arbeiteten in der Kommission mit und gehören nun zur Arbeitsstelle GOrBIKs-Transfer, die am Landesinstitut für Schule und Medien Ludwigsfelde-Struveshof (LISUM) eingerichtet wurde, um die landesweite praktische Umsetzung zu unterstützen. Sie berichten über erste Erfahrungen mit dem Orientierungsrahmen.

Was waren die Diskussionspunkte im Entstehungsprozess?

Susanne Scheib

Am Anfang waren es die Fragen: Was ist Bildung? Was ist Erziehung? Wie kann man beide Begriffe definieren?

Die Diskussion darüber war sehr hilfreich für uns Praktikerinnen, um uns damit auseinanderzusetzen, was wir unter diesen Begriffen verstehen. Es war interessant, die verschiedenen Sichtweisen kennenzulernen, aber wir merkten, dass wir an einer bestimmten Stelle nicht weiterkamen, weil die Auffassungen zu unterschiedlich waren. Viele kluge Leute an einem Tisch, unterschiedliche Meinungen – wir konnten uns nicht auf gemeinsame Definitionen einigen. Also beschlossen wir, anders heranzugehen und zu versuchen, die Begriffe über die inhaltlichen Bausteine des Orientierungsrahmens zu bearbeiten.

Frauke Hildebrandt

So entstand der Orientierungsrahmen in seiner Diskussionsfassung. Diese Fassung wurde auf Regionalkonferenzen in jedem Landkreis Brandenburgs vorgestellt. Praktikerinnen aus Kita und Schule waren eingeladen, aber auch Träger und Schulräte. Jugend- und Schulamt hatten die Veranstaltungen gemeinsam organisiert, und es gab ein Feedback zur Relevanz der Bausteine für die jeweils eigene Arbeit. Als wir fragten, ob der Orientierungsrahmen sich eignet, die Kooperationsbeziehungen auf den Prüfstand zu stellen und weiterzuentwickeln, bekamen wir positive Rückmeldungen, aber auch Hinweise darauf, was fehlt.

Zum Beispiel?

Frauke Hildebrandt

Praktische Empfehlungen: Wie soll ein Kooperationsvertrag aussehen? Wie kann ein Kooperationskalender, also die Terminplanung der Kooperation, gestaltet werden? Welche Projekte kann man zusammen machen? Wie kann man eine gemeinsame Elternversammlung vorbereiten? Nicht unbedingt Rezepte, sondern Ideen für die Umsetzung waren gefragt. Die Teilnehmerinnen äußerten Wünsche, brachten aber auch eigene Vorschläge ein. Nun besteht der neue Orientierungsrahmen zu zwei Dritteln aus Praxisbeispielen.

Susanne Scheib

Viele Beispiele wurden von Erzieherinnen und Lehrerinnen in Tandemfortbildungen entwickelt und in der Praxis ausprobiert. Außerdem wurde der Entwurf des Orientierungsrahmens von Fachwissenschaftlern, die der Kommission nicht angehörten, geprüft. Unabhängig voneinander äußerten sie sich positiv darüber und hoben die gelungene Verbindung von Theorie und Praxis hervor.

Frauke Hildebrandt

Danach wurde der Orientierungsrahmen in die Öffentlichkeit gebracht. Jede Kita, jede Grundschule erhielt kostenlos ein Exemplar als Arbeitsgrundlage. Damit war quasi ein normativer Rahmen gegeben, die Beschreibung einer Zielsetzung und der Kooperationsschritte, die wünschenswert oder sinnvoll sind, um das Ziel zu erreichen.

Doch wir wollten nicht nur Papier verteilen, das womöglich gleich ins Regal wandert, sondern es sollte damit gearbeitet werden. Deshalb wurde am LISUM die Arbeitsstelle Gorbiks Transfer geschaffen, in der Susanne Scheib und ich – Susanne ist Grundschullehrerin, ich kenne mich besser im Kitabereich aus – zusammenarbeiten und versuchen, die gemeinsame Botschaft zu vermitteln, wie Kooperation gelingen kann und was die Grundelemente des Orientierungsrahmens sind.

Können Sie diese Elemente bitte kurz beschreiben?

Frauke Hildebrandt

Es gibt den Praxisteil und die sechs Qualitätsmerkmale…

Susanne Scheib

… die ausführlich behandelt werden. Außerdem gibt es Stoppsteine, so dass jedes Kita-Team, jedes Schul-Kollegium feststellen kann: Wie weit sind wir mit unserer Kooperation?

Was bedeutet der Begriff „Stoppsteine“? Man denkt unwillkürlich an Stolpersteine.

Susanne Scheib

Nein, es geht ums Innehalten in der Hektik des Alltags. Es geht darum, in Ruhe zu prüfen: Haben wir ein gemeinsames Bild vom Kind, ein gemeinsames Bildungsverständnis?

Frauke Hildebrandt

Das erste Qualitätsmerkmal bezieht sich darauf, den Übergang gemeinsam zu gestalten. Das zweite und dritte Qualitätsmerkmal sind die Herzstücke des Orientierungsrahmens. Wer will, dass der Übergang gelingt, muss ein gemeinsames Bild vom Kind und gemeinsame Vorstellungen von einer Lernkultur entwickeln, denn sie sind die Grundlage dafür, dass man die Beobachtungsinstrumente aufeinander abstimmt und gemeinsame Elternarbeit organisiert.

Wie geht man in Kita und Grundschule mit dem Material um? Was besagen Ihre Erfahrungen?

Susanne Scheib

Die Kooperation beider Einrichtungen war ein bildungspolitisches Schwerpunktthema. Deshalb waren wir nicht nur auf den Regionalkonferenzen präsent, sondern auch in Fortbildungen und in den Netzwerken der Grund- und Förderschulen, in denen man mehr über GOrBIKs wissen wollte.

Frauke Hildebrandt

Zu diesem Zweck hatten wir einen Flyer herausgegeben: Wenn Kitas und Grundschulen einen Kooperationsvertrag erarbeiten wollen, wenn sie ein gemeinsames Lernverständnis entwickeln wollen, wenn sie ihre Beobachtungsinstrumente aufeinander beziehen und die Zusammenarbeit mit den Eltern verbessern wollen, wenn Bürgermeister die Kooperation von Kita und Grundschule befördern wollen und Beratung brauchen, wie das zu machen sei, dann können sie auf Gorbiks-Transfer zurückgreifen, also auf uns beide.

Susanne Scheib

Und das wird auch in Anspruch genommen, per E-Mail, Telefon und Brief. Dann machen wir uns auf den Weg und freuen uns, wenn wir Hilfestellung geben können. Von Januar bis Anfang Dezember 2010 erreichten wir in 6250 Fachstunden 2300 Praktikerinnen und Praktiker aus Kita und Grundschule in den verschiedensten Veranstaltungen. Es ging zum Beispiel darum, dass die Schule Informationen über die Kinder braucht, die eingeschult werden, denn es gibt keine Schulfähigkeits-Standards mehr. Und es gibt den Datenschutz: Informationen aus der Kita dürfen nicht einfach so in die Schule gelangen.

Wie kommt die Schule nun zu den Informationen, die sie braucht? Über die Eltern. Die Verfahrensweisen kann man gemeinschaftlich in den Kommunen erarbeiten. Eine Möglichkeit ist das Übergangsportfolio, das die Kompetenzentwicklung der Kinder in der Kita festhält. Lehrerinnen sind interessiert, darüber etwas zu erfahren, um es in den Anfangsunterricht einbeziehen zu können und den Kindern einen guten Anschluss zu ermöglichen. Das Übergangsportfolio enthält kurz gefasste Aussagen zu folgenden Themen: Das habe ich schon gelernt, das will ich noch lernen, das finde ich spannend, das finde ich langweilig.

Über das letzte Thema liest man in Portfolios ja eher selten etwas. Und diese Informationen gelangen über die Eltern in die Schule…

Susanne Scheib

Ja, mit dem Einverständnis der Eltern. Das ist auch kein Problem, wenn man ihnen erklärt, warum das wichtig ist. In kleinen Gemeinden funktioniert es. Schwieriger ist es in Städten, in denen mehr Anonymität herrscht. Aber möglich ist es auch dort, wenn beide Seiten es wünschen.

In den Kommunen und Städten machen wir auch Tandemfortbildungen: Eine Erzieherin und eine Lehrerin, die miteinander kooperieren, lassen sich von uns beraten. Und wir machen Fortbildungen für die sogenannten koordinierenden Lehrkräfte. Das sind Lehrerinnen in jeder Grundschule, die eine Wochenstunde zur Verfügung haben, um den Kooperationsprozess von Grundschule und Kita zu organisieren. Mit diesen Kolleginnen bereden wir, wie man Netzwerke oder Arbeitsgruppen in der Region aufbaut und wie man die Themen aus dem Orientierungsrahmen umsetzen kann. 

Welche Veranstaltungen bewähren sich? Die kleineren, individuell zugeschnittenen oder größere?

Frauke Hildebrandt

Besonders bewähren sich die Kontakte vor Ort, bei denen wir auf die konkreten Fragen der Tandems eingehen, Impulse geben können und uns nicht nur ein Mal, sondern öfter treffen. Wenn die Kolleginnen aus Schule und Kita mit uns sprechen und die theoretischen Positionen aus dem Orientierungsrahmen gemeinsam auf ihre konkreten Situationen beziehen – das geht gut. Wir tragen zusammen, was in Sachen Kooperation schon passiert, verknüpfen das mit GOrBIKs, also dem, was gemeinsames Lernverständnis bedeutet, und überlegen, was das für den jeweiligen Entwicklungsbedarf heißt. Wir gehen vom Ist-Stand aus, setzen ihn in Beziehung zum Bildungsverständnis und schauen, was zu tun ist. Das ist quasi das Grundformat, das wir – in Variationen – anwenden.

Merken Sie, dass die Impulse ankommen?

Frauke Hildebrandt

Wie erfolgreich eine Fortbildung am Ende wirklich ist, das wissen wir nicht, aber die kontinuierliche Nachfrage zeigt uns: Es macht Sinn.

Susanne Scheib

Wir spüren das nicht nur, sondern bekommen ja auch Feedback, was eine Input-Veranstaltung gebracht hat. Später merken wir es an den Nachfragen: Könnt ihr zu uns in die Schule kommen? Wir wollen genau zu diesem oder jenem Thema mit der Kita und unseren Trägern etwas machen…

Frauke Hildebrandt

In Bad Freienwalde hatten wir kürzlich einen Fachtag mit Erzieherinnen und Lehrerinnen. Ein paar Tage später bekamen wir eine Mail aus einer Schule: Wir wollen uns gern genauer angucken, was das für unsere Arbeit heißt, wenn wir mit der Kita kooperieren. Oder es kommt eine Anfrage aus einer Kita: Wie können wir das und das machen?

Manchmal geraten die Teilnehmerinnen schon in den Fortbildungen heftig ins gemeinsame Planen und haben zum Schluss eine Idee umgesetzt – erst mal auf dem Papier. Oder die Tandems tauschen sich aus: Was klappt bei euch gut? Was geht gar nicht?

Daran erkennen wir, dass Impulse – zusammen mit der GOrBIKs-Theorie – ankommen. Diese Theorie wird wirklich gebraucht, sonst landet man ganz schnell bei dem alten Zopf: Die Kita muss Schulfähigkeit erzeugen, damit die Grundschule anschließen kann. Um das zu vermeiden, sind das gemeinsame Bild vom Kind und das gemeinsame Lernverständnis so wichtig.

Susanne Scheib

Sie sind auch wichtig, um nicht in Aktionismus zu verfallen: ausschließlich gemeinsame Feste, im Herbst, Frühling, Sommer und Winter.

Was sind gelingende erste Schritte der Kooperation – die Feste beiseite gelassen?

Susanne Scheib

Als erstes: das Aufeinander-Zugehen der Leitungen. Auf der Leitungsebene muss Verständnis und Unterstützung gegeben sein. Dann: Absprachen und regelmäßige Treffen, damit die Kooperation an Ernsthaftigkeit gewinnt. Schließlich: eine Kooperationsvereinbarung, schriftlich fixiert, und ein miteinander abgestimmter Kooperationskalender, der konkrete Verbindlichkeiten und Verantwortlichkeiten zeitlich einordnet. Zum Beispiel: ein Schnuppertag in der Schule. Oder eine gemeinsame Fortbildung der Erzieherinnen und Lehrerinnen, bei der die Erzieherinnen ihr pädagogisches Konzept vorstellen: Was sind die Schwerpunkte? Was ist in der Kita anders als in der Schule? Warum?

Umgekehrt genau so: Nach welchen Standards muss sich die Grundschule richten? Arbeitet sie jahrgangsübergreifend? Nutzt sie offene Unterrichtsformen?

Frauke Hildebrandt

So wächst Verständnis füreinander. Immer wieder hören wir: Gemeinsame Fortbildungen sind wichtig – für beide Seiten.

Was ist noch wichtig? Dass die Kita-Kinder die Schule kennen und wissen, wo die Toiletten und Garderoben sind, wie die Pausen ablaufen, wo es Mittagessen gibt und wo man seine Mappe hinstellt. Diese praktischen Dinge werden gern unterschätzt.

Ideal ist, wenn die Kita-Kinder die Lehrerin kennen, was leider nicht immer möglich ist, und schon mal eine Unterrichtsstunde miterlebt haben. Auf solche Sachen kommt es an, nicht auf eine Fülle gemeinsamer Projekte, die aus dem Boden gestampft werden. Wir sagen immer: Weniger ist mehr. Lasst die Kinder das Schulhaus erkunden.

Susanne Scheib

Oder lasst sie herausfinden: Wo sind in der Schule Buchstaben und Zahlen versteckt?

Es ist gut, wenn sich die Kita-Kinder in der Schule nicht fremd fühlen. Viele von ihnen haben Freunde dort oder kennen Schulkinder aus gemeinsamen Projekten. Und die Schulkinder freuen sich, wenn sie den Jüngeren etwas zeigen oder erklären können.

Frauke Hildebrandt

Da fällt mir das Fest der Einschulung ein: Welche Rolle hat die Erzieherin dabei? Es gibt inzwischen gute Erfahrungen damit, sie einzubeziehen. Sie übergibt die Kinder der Lehrerin, die ihr für die zuvor geleistete Arbeit dankt. Das ist sehr förderlich, nicht allein für die Kinder. Die Kooperation von Kita und Schule kann sich auch dadurch in Richtung „gleiche Augenhöhe“ entwickeln.

Ein schönes Stichwort. Dass Frauen, die unterschiedlich bezahlt und gesellschaftlich wahrgenommen werden, auf gleicher Augenhöhe miteinander agieren – ist das nicht illusorisch? Zwischen den Institutionen, die sie vertreten, klafft doch ein Bruch, seit es sie gibt.

Susanne Scheib

Augenhöhe beginnt für mich bei der Akzeptanz der jeweils anderen Profession. Bei all den Veranstaltungen, die wir machten, erlebte ich nie, dass abwertend über Erzieherinnen gesprochen wurde.

Sicher, es gibt verschiedene Sichtweisen. Wichtig ist aber, dass man einander begegnet und einander in seiner Verschiedenheit wahrnimmt. Die Elementarpädagogik ist anders als die Grundschulpädagogik. Doch es gibt Berührungspunkte. Die nimmt man wahr, wenn man einander begegnet, hospitiert, den anderen Menschen in seinem Tun erlebt.

Da ertönt der allgemeine Aufschrei „Was sollen wir denn noch alles machen!“ nicht? Wie ist das möglich?

Susanne Scheib

Mit sehr viel persönlichem Engagement. Für viele Frauen ist das eine Herzenssache.

In der Grundschule gibt es diese eine Koordinierungsstunde. Es gibt eine Lehrerin, die für die Zusammenarbeit von Kita und Grundschule Zeit aufwenden kann. In der Kita ist es allerdings nicht so.

Von den Erzieherinnen erwartet man, dass sie ihre Freizeit aus Menschenliebe opfern?

Frauke Hildebrandt

Im Oktober 2010 erhöhte man in Brandenburg den Kita-Personalschlüssel. Zuvor gab es im Ministerium die Überlegung, auch den Erzieherinnen eine Kooperationsstunde zuzuweisen. Das hätte übrigens deutlich weniger gekostet, als den Personalschlüssel anzuheben. Schließlich entschied man sich jedoch dafür, erst mal den Grundstock zu verbessern. Das ist wirklich besser für die Kolleginnen in den Kitas, auch wenn sie sagen: „Und zusätzlich hätten wir gern noch…“ Aber die Sachzwänge sind enorm, und das Kitabudget ist durch die Personalschlüsselverbesserung sozusagen schon übererfüllt. Zwar nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber ein dicker. Das darf man nicht vergessen, obwohl die Rahmenbedingungen auf Kita-Seite immer noch unzureichend sind.

Trotzdem: Man kann aus Knete Bobons oder aus der Not eine Tugend machen. Man kann schlechte Rahmenbedingungen optimal nutzen oder suboptimal. Gute Kita-Leitungen bauen Zeiten für Kooperation in die Dienstpläne ein und schaffen es, sich zu organisieren. Es ist möglich, und die Erzieherin muss nicht in der Freizeit in die Schule gehen.

Stimmt, besser als Jammern ist es, aus Knete Bonbons zu machen. Das macht auch mehr Spaß.

Wie gehen die Erzieherinnen und Lehrerinnen denn aufeinander zu? Fällt es den älteren Frauen leichter oder den jüngeren? Gibt es Aha-Erlebnisse?

Susanne Scheib

Ob es jüngeren oder älteren Kolleginnen leichter fällt, das weiß ich nicht. Ich glaube, das hat weniger mit dem Alter als mit Engagement und Neugier zu tun. Oft sind die Kolleginnen überrascht, was die jeweils andere tut. Zum Beispiel, was das Materialangebot für Kinder betrifft. Anregungen von hier, Anregungen von dort – und schon kommen beide Seiten ins Gespräch: Warum macht ihr das so? Wie organisiert ihr das im Alltag?

Frauke Hildebrandt

Wenn Erzieherinnen erfahren, wie wirklich in der Grundschule gearbeitet wird, stellen viele von ihnen fest: Ihr Bild von der Grundschule stammt aus ihrer eigenen Schulzeit oder der ihrer Kinder. Heute wird ganz anders gearbeitet. Die Kinder sitzen nicht mehr die ganze Zeit still am Tisch. Es gibt Werkstattunterricht und sonst was… Die Erinnerung wird von der Wirklichkeit korrigiert. Übrigens in beide Richtungen, aber nicht ohne Reibung.

So etwas verläuft wahrscheinlich selten ohne Reibung. Welche Schwierigkeiten traten denn auf?

Susanne Scheib

Hauptschwierigkeit: Das Nicht-Wissen voneinander, das mitunter für Irritationen sorgt. Aus Schulsicht: Die Kinder können nicht mit der Schere schneiden, können dies oder jenes nicht.

Aus Kita-Sicht: Was sind in der Schule für Standards zu erfüllen?

Frauke Hildebrandt

Viele Erzieherinnen habe aus der eigenen Erinnerung eine Idee davon, wie Schule ist. Dem entsprechen die Vorschul-Bemühungen in der Kita, sanktioniert durch die Eltern, die das so wollen. Verständlich, denn so hat man Schule und Kita erfahren – Erzieherinnen wie Eltern. So wurde man sozialisiert.

Da muss die Kita sich besinnen: Was ist unser Bildungsauftrag? Wie verschaffen wir uns ein Bild über zeitgemäße Schulpädagogik, die sich von dem unterscheidet, was wir erlebt hatten.

Ein anderes Problemfeld, das viele Herausforderungen für beide Seiten bereithält und sie einen könnte, ist die Zusammenarbeit mit Eltern. Da geht es um Aufklärung: Was ist moderne Pädagogik? Dabei hilft vielleicht auch eine Elterninformation über den Bildungsplan der Kita, die in allen Einrichtungen und in den Jugendämtern erhältlich ist.

In der Kita wird darüber gesprochen, in der Schule auch. Eigentlich eine ideale Konstellation…

Frauke Hildebrandt

Wenn beide Institutionen sich zusammentun und den Eltern erklären, dass sie die Bildungsprozesse der Kinder fördern, ineinander übergreifend und als Partner…

… dann lehnen sich die Eltern ganz entspannt zurück.

Frauke Hildebrandt

Besonders nachhaltig verlaufen diese Prozesse, wenn man individuell mit den Kindern arbeiten kann, wenn man von einander weiß, auf Stärken, Interessen und Themen der Kinder eingehen kann. Erst in der Kita, dann im Unterricht. Da gibt es noch viel Luft, auf beiden Seiten.

Die Eltern wissen: Bildung ist das A und O für die Zukunft unserer Kinder. Das Misstrauen gegenüber der Pädagogik – angesichts der Kita- und Schulpolitik – ist enorm, verständlicherweise, und trifft die Grundschule härter als die Kita. Ein Grund mehr, zusammenzustehen und den Kindern einen guten Übergang in die Schule zu ermöglichen.

Einander zu zeigen, warum man wie arbeiten, das treibt keinen Keil zwischen Kita und Grundschule, sondern eint die Institutionen.

Gesprächsaufzeichnung: Erika Berthold

Das Buch

Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg
Gemeinsamer Orientierungsrahmen für die Bildung in Kindertagesbetreuung und Grundschule
Zwei Bildungseinrichtungen in gemeinsamer Bildungsverantwortung beim Übergang vom Elementarbereich in den Primarbereich
2. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage mit DVD
106 Seiten, 16,90 Euro
ISBN 978-3-86892-033-8
verlag das netz

Die beiliegende DVD

GOrBIKs – Eine neue Lernkultur in Kita und Grundschule
Film 1: Eine gemeinsame Vorstellung von einer neuen Lernkultur gewinnen
Dr. Frauke Hildebrandt im Interview mit Prof. Dr. Annedore Prengel und Hans-Joachim Laewen
Film 2: Neue pädagogsiche Ansätze in Kita und Grundschule
Veränderte Bildungspraxis in zwei brandenburgischen Einrichtungen

Kontakt

Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM)
14974 Ludwigsfelde-Struveshof
Tel.: 03378 209-176
Fax: 03378 209-304
www.transkigs.de/brandenburg-gorbiks.htlm
www.lisum.berlin-brandenburg.de

Netz-Tipps

www.bildungspakt-bayern.de
KiDZ steht für eine bessere Vernetzung von Kindertagesstätten und Grundschulen in Bayern und versucht, frühe Lernfenster der Kinder optimal zu nutzen. Bisher waren Kindertagesstätte und Grundschule zwei getrennte Bildungsbereiche mit unterschiedlichem Bildungsauftrag. Das Modellprojekt KiDZ vereint diese beiden Bereiche: Erzieherinnen und Lehrerinnen arbeiten im Team zusammen. Durchklicken über >Projekte >KiDZ.

www.ewi-psy.fu-berlin.de
Im Programm ponte (ital.: die Brücke) schlossen sich Grundschulen und Kindergärten zu Lerntandems zusammen, die unter der Anleitung geschulter Moderatorinnen mit- und voneinander lernten, den Übergang der Kinder vom Kindergarten in die Grundschule besser zu gestalten. Die Entwicklung in diesen Modelleinrichtungen wird als beispielgebend für vergleichbare Reformansätze in der ganzen Republik gesehen. Damit steht ponte im Kontext zahlreicher Qualitätsentwicklungsprogramme nach PISA. Durchklicken über den „Schnellzugriff“ oben rechts: Ponte.

www.ease-eu.com
Das Europa-Projekt EASE will einen Beitrag zur Stärkung der Bildungskontinuität an der Schnittstelle von Kindertageseinrichtung und Grundschule leisten. Auf der Basis der didaktischen Konzepte von Kindertageseinrichtungen und Grundschulen werden gemeinsame Bildungskonzepte entwickelt, und institutionsübergreifende Kooperation wird organisiert.

Und hier noch wichtige ergänzende Informationen:

Sechs Qualitätsmerkmale für die gemeinsame Bildungsverantwortung von Kita und Grundschule

  • Qualitätsmerkmal 1: Einen gelingenden Übergang aus der Kindertagesbetreuung in die Grundschule gemeinsam gestalten.
  • Qualitätsmerkmal 2: Ein gemeinsames Bild vom Kind entwickeln, das Eingang in die pädagogischen Konzeptionen/Schulprogramme findet.
  • Qualitätsmerkmal 3: Eine gemeinsame Vorstellung von einer neuen Lernkultur gewinnen.
  • Qualitätsmerkmal 4: Anschlussfähige Formen von Beobachtung, Dokumentation und Analyse praktizieren.
  • Qualitätsmerkmal 5: Professionalität im Bereich von Kita und Grundschule stärken.
  • Qualitätsmerkmal 6: Gemeinsame Erziehungs- und Bildungsverantwortung von Eltern, Kita und Schule wahrnehmen.

Das Thüringer Sieben-Ebenen-Modell des professionellen Handelns von Pädagoginnen und Pädagogen, Kindern und Eltern in Kita und Grundschule

  • Ebene 1: Kooperation von Pädagoginnen und Pädagogen aus Kita und Grundschule bei der Abstimmung ihres gemeinsamen Bildungsverständnisses:
  • Ebene 2: Formen der Zusammenarbeit von Pädagoginnen und Pädagogen aus Kita und Grundschule mit Kindern, zum Beispiel bei gemeinsamen Vorhaben;
  • Ebene 3: Formen der Zusammenarbeit von Pädagoginnen und Pädagogen aus Kita und Grundschule mit den Eltern;
  • Ebene 4: Formen gemeinsamer Aktionen von Kindern aus Kita und Grundschule, zum Beispiel beim Schulinterview ;
  • Ebene 5: Formen der Kooperation von Kita- und Grundschuleltern, zum Beispiel Elterntreffen;
  • Ebene 6: Formen gemeinsamer Aktionen vom Kind im Übergang und seinen Eltern, zum Beispiel die Arbeit mit dem Steckbrief oder Übergangsportfolio;
  • Ebene 7: Formen gemeinsamer Aktionen vom Kind im Übergang, seinen Eltern sowie den Pädagoginnen und Pädagogen in Kita und Grundschule, zum Beispiel bei einem Übergabegespräch.

Diesen Beitrag übernehmen wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion aus dem ersten Heft 2011 von Betrifft Kinder.

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