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Kinderschutz auf dem Abstellgleis?

11.12.2013 Kommentare (0)

„Wir wollen Kindern und Jugendlichen gleiche Chancen auf ein gutes Aufwachsen ermöglichen.“ So oder so ähnlich lauten viele Passagen in dem gerade ausgehandelten Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und der SPD. Das klingt als Absichtserklärung gut, doch: Die Themenbereiche, die den Kinderschutz betreffen, bestehen mehr aus Willensbekundungen als aus konkreten Veränderungsvorhaben. Die Kinderschutz-Zentren halten eine baldige Konkretisierung, Differenzierung und Schärfung dieses allgemeinen Statements für zwingend notwendig.

Wichtige Punkte im Einzelnen:
  • Wir begrüßen eine stärkere empirische Fundierung und die Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe „ … zu einem inklusiven, effizienten und dauerhaft tragfähigen und belastbaren Hilfesystem …“. Hier scheinen konkrete Ideen, wie dieses umfassende Ziel zu erreichen ist, auf der Strecke zu bleiben. So ist offen, wie bspw. die Rahmenbedingungen verbessert werden können, die die Kinder- und Jugendhilfe momentan an den Rand ihrer Fachlichkeit gerade auch Belastbarkeit bringen. Hierzu bedarf es nicht nur neuer Finanzierungsmodelle, sondern grundlegender Überlegungen, wie fachliche Arbeit vor dem Hintergrund demographischer, sozialer (Armut) und kultureller (Migration) Veränderungen bei gleichzeitig wachsenden Aufgaben gesichert werden kann.
 
  • Jugendämter als zentrale Institutionen bedürfen nicht nur weiterer und ihren Auftrag unterstützender Steuerungsinstrumente, sondern ebenfalls ihren Aufgaben angemessener Ressourcen und  der Weiterentwicklung fachlicher und organisatorischer Rahmenbedingungen und Kompetenzen. Die vielfältigen Aufgaben, die in den letzten Jahren auf sie zugekommen sind, sind stärker fachlich zu begleiten. Eine Weiterentwicklung des Kinder- und Jugendhilfesystems insgesamt gelingt indes auch nur, wenn es zu einem fachlichen Dialog zwischen öffentlicher und freier Kinder- und Jugendhilfe kommt, wenn fachliche Standards und Rahmenbedingungen auf beiden Seiten den herausfordernden Aufgaben entsprechen. Auch hierzu gibt es im Koalitionsvertrag nur vage Vorschläge, jedoch keine konkreten Ideen! Wünschenswert wäre hier ein Qualitätsdialog unter Einbeziehung aller beteiligten Institutionen und Verbände, um sich über „die Weiterentwicklung  in wichtigen Handlungsfeldern der Kinder und Jugendhilfe (zu) verständigen.“
 
  • Die zentrale Orientierung der Weiterentwicklung an den Ergebnissen der Evaluation des Bundeskinderschutzgesetzes führt an der differenzierten und vielfältigen Kinderschutzpraxis in Deutschland vorbei. Ob nach dem kurzen Zeitraum seit Inkrafttreten des Bundeskinderschutzgesetzes am 1.1.2012 grundlegende Daten zur Weiterentwicklung des gesamten Systems zu erhalten sind, bleibt abzuwarten. Weitere Forschungsaktivitäten müssen angestrengt werden, um die Wirksamkeit von Hilfeprozessen im Kinderschutz zu erforschen. Die Willenserklärung zur Weiterführung der Netzwerke Früher Hilfen ist zu begrüßen, was aber mit der „Verbesserung der Voraussetzungen“ zur Kooperation von Kinder- und Jugendhilfe und Gesundheitswesen gemeint ist, bleibt ebenso vage, wie die Absicht, Kinderschutz als gesamtgesellschaftliche und Aufgabe auch anderer Berufsfelder weiter zu qualifizieren und strukturieren.
 
  • Ähnlich unkonkret wird das Thema Kinderrechte behandelt, über eine Verankerung im Grundgesetz wurde offensichtlich nicht diskutiert. Allerdings will man den Kinderschutz kontinuierlich weiter verbessern, auf der Grundlage von neuen Forschungs- und Evaluationsergebnissen.
 
  •  Die Tätigkeit des Unabhängigen Beauftragten für die Fragen der sexuellen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche soll  gesichert werden.  Es bleibt abzuwarten, was ‚gesichert‘ heißen wird. Die Forderung des Runden Tisches nach einem flächendeckenden Ausbau von Fachberatungsstellen steht jedenfalls nicht in dem Papier. Dies sucht man ebenso vergebens wie den Aufbau einer Plattform für Kinderschutz im Internet. Zwar wird hier versprochen, dass das Zentrum für Kinderschutz im Internet (I-KIZ) weiter fortgeführt werden soll, aber auch hier sucht man konkrete Aussagen zu einer Hilfeplattform vergeblich. Ungelöst bleibt offensichtlich auch die Frage nach der Kooperation zwischen Kinder- und Jugendhilfe und Schule.
Nun liegt es in der Sache, dass Koalitionsverträge sich in erster Linie durch Willensbekundungen auszeichnen. Dennoch muss man aus Sicht des Kinderschutzes feststellen, dass das Angebot, das die Politik der Jugendhilfe und dem Kinderschutz macht, recht dünn ist. Unter dem jetzt schon bestehenden Legitimationsdruck der „hohen“ Neuverschuldung von bis zu 26 Milliarden Euro ist nicht davon auszugehen, dass der Kinderschutz in den kommenden Jahren die Mittel erhält, die er benötigt, um die vielfältigen Herausforderungen zu erfüllen. Handlungsbedarfe bestehen u.a. bei der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen im Kinderschutz, bei Schutzkonzepten für ältere Kinder und Jugendliche, bei der Umsetzung der Inklusion und bei der Versorgung mit Kinderschutzeinrichtungen im ländlichen Raum.

Quelle: KIZ-Newsletter Nr. 17, Dezember 2013

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