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Kind in Flüchtlingslager

Flüchtlingskinder: Fortschritte und Fallstricke

Hilde von Balluseck

06.06.2015 Kommentare (0)

Inhalt
  1. Das Bundesministerium: Lokale Bündnisse werden gefördert
  2. Die Wohlfahrtsverbände: Die Kinder brauchen einen Kitaplatz
  3. Die Länder 1: Die Berliner Verwaltung informiert über Kita- und Schulbesuch
  4. Die Länder 2: Bayern fördert Weiterbildung der Fachkräfte
  5. Die Länder 3: Flüchtlingskinder in der Schule in NRW
  6. Unbefriedigend: Medizinische Versorgung
  7. Mangelhaft: Hilfen für traumatisierte Kinder
  8. Die Gegner: Abwehr bis zum Hass

Rund ein Drittel aller nach Deutschland einreisenden Flüchtlinge sind laut UNICEF noch Kinder. Viele von ihnen kommen ohne die Begleitung ihrer Eltern oder eines anderen Erwachsenen hier an.

Flüchtlingskinder stellen für die Frühpädagogik eine besondere Herausforderung dar. Es geht darum, Kinder zu unterstützen, die andere kulturelle, sprachliche, meist auch religiöse Prägungen mitbringen und denen Schutz, Regeneration und Bildung angeboten werden sollten. Wir haben schon ausführlich darüber berichtet. Heute unterstützen Akteure mit unterschiedlichen Ideen, Methoden und Vorgehensweisen das Ankommen in Deutschland. Wir können hier nur einen Ausschnitt aus diesen Initiativen bieten, aber immerhin wird deutlich, dass doch schon einiges getan wird.

Das Bundesministerium: Lokale Bündnisse werden gefördert

Fangen wir oben an: Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) haben am 28. Mai gemeinsam mit der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration das Bundesprogramm „Willkommen bei Freunden“ gestartet mit dem Ziel, Kommunen künftig bei der Integration geflüchteter Kinder und Jugendlicher zu unterstützen.
Künftig können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den Kommunen in sechs regionalen Servicebüros konkrete Angebote erhalten, die sie vor allem bei der Etablierung lokaler Bündnisse aus Behörden, Vereinen sowie Bildungs- und Flüchtlingseinrichtungen vor Ort unterstützen. Städte, Kommunen und ehrenamtlich organisierte Personen, die Bündnisse gründen wollen, können sich ab sofort bei der DKJS melden:
Tel.: 030-25 76 76 803, E-Mail: wbf@dkjs.de, www.willkommen-bei-freunden.de

Die Wohlfahrtsverbände: Die Kinder brauchen einen Kitaplatz

Flüchtlingskinder brauchen einen Kitaplatz, Sonja A Schreiner hat dies anhand der Lebensbedingungen von Flüchtlingskindern ausführlich begründet. Flüchtlingskinder haben ein Recht auf einen Kitaplatz sagte Caritas-Präsident Neher anlässlich des Internationalen Kindertags und wies auf die Hindernisse hin:

"Die Gemeinschaftsunterkünfte liegen weit außerhalb, das Geld für die Fahrkarte zur Kita fehlt und auch die Matschhose kann nicht bezahlt werden“, so Neher. Zudem seien die rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen häufig weder den Eltern noch den Einrichtungen klar. So wüssten beispielsweise viele Flüchtlingsfamilien nicht, wer Ansprechpartner für den Besuch einer Kindertageseinrichtung ist.
Auch fehlende Plätze in Kindertageseinrichtungen führen dazu, dass Flüchtlingskindern der Zugang verwehrt bleibt.

Die Länder 1: Die Berliner Verwaltung informiert über Kita- und Schulbesuch

Die Berliner Senatsverwaltung hat einen Flyer in unterschiedlichen Sprachen, darunter auch arabisch, herausgebracht, der geflohene Bezugspersonen von Kindern darüber informiert. wie sie für ihre Kinder einen Kitaplatz erhalten können. Das ist eine sehr wertvolle Information, denn alle Flüchtlinge haben ein Interesse daran, dass ihre Kinder gut betreut werden und möglichst schnell deutsch lernen.

Auch die MitarbeiterInnen in den Gemeinschaftsunterkünften von Flüchtlingen werden informiert, wie Flüchtlingskinder zu einem Kita- oder Schulplatz kommen. Wichtig ist, dass von einem Mindestelternbeitrag auch abgesehen werden kann.

PDF Icon Information für Eltern mit kleinen Kindern in Gemeinschaftsunterkünften (pdf, 299 kb)

PDF Icon Informationen für das Fachpersonal (pdf, 108 kb)

Die Länder 2: Bayern fördert Weiterbildung der Fachkräfte

Fachkräfte in den Kitas brauchen für die neuen Aufgaben spezielle Weiterbildungsmaßnahmen. Das Bayerische Staatsministeriums für Arbeit und Soziales, Familie und Integration hat die Herausforderung aufgegriffen und finanziert dreitägige Fortbildungen Die Zielsetzung:

  • Unterstützung des pädagogischen Personals in Kindertageseinrichtungen und in der Kindertagespflege in der Arbeit mit Flüchtlingsfamilien und bei der Betreuung der Kinder
  • Stärkung interkultureller Kompetenzen des pädagogischen Personals
  • Erkennen des Betreuungs- und Bildungsaufwands für diese Zielgruppe von Kindern
  • Erweiterung und Bestärkung der Kompetenzen des pädagogischen Personals in Bezug auf Eingewöhnung, Begleitung, Förderung, Bildung und Teilhabe der betroffenen Kinder
  • Vermittlung von Kenntnissen über Asylrecht, Kinderschutz und Traumafolgen
  • Weiterentwicklung einer Willkommens-Kultur in Kindertageseinrichtungen und in der Kindertagespflege

Für dieses Angebot haben wir unseren Weiterbildungskalender kostenlos zur Verfügung gestellt. http://www.erzieherin.de/fluechtlingskinder-willkommen-in-der-kindertagesbetreuung5.html

Die Länder 3: Flüchtlingskinder in der Schule in NRW

Die Integration von Flüchtlingskindern in Schulklassen stellt ebenfalls eine besondere Herausforderung an die Lehrkräfte dar. Flüchtlingskinder sind wie alle anderen Kinder schulpflichtig. Jedes Land muss darauf reagieren. In NRW z.B. werden sie in speziellen Klassen als sogenannte Seiteneinsteiger "beschult". Wenn eine Kommune oder ein Kreis in Nordrhein-Westfalen nur wenige Flüchtlingskinder aufgenommen hat, kommen diese in Regelklassen und erhalten zusätzliche Deutschförderung in kleinen Fördergruppen. In Städten, die eine  große Anzahl von neuzuwandernden schulpflichtigen Kindern und Jugendlichen beschulen, werden Vorbereitungsklassen (Klassen, die vor Schuljahresbeginn eingerichtet werden) bzw. Auffangklassen (Klassen, die unterjährig bei Bedarf eingerichtet werden) und Internationale Förderklassen (Klassen an Berufskollegs) gebildet....

"Die Schulen bilden zur Umsetzung der Sprachbildung ein Team von Lehrkräften und ggf. weiteren Fachkräften. Dies bedeutet, dass die sprachliche Bildung der Schülerinnen und Schüler im Sinne eines sprach- und kultursensiblen Fachunterrichts eine Aufgabe aller Lehrkräfte und aller Fächer ist. Die für zugewiesenen Stellenanteile aus den Integrationsstellen dienen somit der intensiven Erstförderung in der Zielsprache Deutsch, entbinden die anderen Lehrkräfte der Schule jedoch nicht von ihren fachspezifischen Aufgaben bei der Beschulung der zugewanderten Kinder und Jugendlichen." Bis 2017 soll ein flächendeckendes Beratungs- und Fortbildungsangebot, angesiedelt bei der Landesweiten Koordinierungsstelle Kommunaler Integrationszentren (LaKI), bereitzustellen. (www.schulministerium.nrw.de).

Dabei kann Teach First Deutschland helfen, eine aus Spenden organisierte Organisation, die bewusst Schülerinnen und Schüler mit schlechten Startbedingungen unterstützt.  Die "Fellows" dieser Organisation gehen in Willkommensklassen und versuchen, den spezifischen Bedarfen der zugewanderten Kinder gerecht zu werden.

"Willkommensklassen bedürfen einer anderen Form der Pädagogik. Es bestehen ..keine festen Lerngruppen, vielmehr ist eine ständige Fluktuation die Regel: Schüler, die so weit sind, wechseln in die Regelklassen, neue rücken nach.Hohe Diversität: Die Unterschiede in der Gruppe können immens sein und von Kindern und Jugendlichen mit großer Vorbildung bis hin zu Analphabeten reichen, die selbst ihre eigene Muttersprache nur bruchstückhaft beherrschen."

Unbefriedigend: Medizinische Versorgung

Ein großes Problem  stellt die medizinische Versorgung von Flüchtlingen dar.  Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin hat schon vor einem Jahr auf die Mängel gerade auch für Kinder hingewiesen. Auch kürzlich wieder hat sie Bund und Länder dazu aufgefordert, die medizinische Versorgung von Flüchtlingen zu verbessern und flächendeckend eine Chipkarte zur einfachen Abrechnung von Leistungen einzuführen.
Die DAKJ sowie deren kinder- und jugendmedizinische Mitgliedsgesellschaften und -verbände fordern bereits seit längerer Zeit, dass bei der Gestaltung gesetzlicher Maßnahmen und deren Anwendung stets die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention beachtet werden muss. „Fakt hingegen ist, dass die Realität ganz anders aussieht: So werden nach § 4 Asylbewerberleistungsgesetz nur die Kosten für die Behandlung akuter Krankheiten und Schmerzzustände erstattet“, kritisiert DAKJ-Generalsekretär Prof. Gahr. Nicht erstattet würden dagegen in zahlreichen Bundesländern präventive Leistungen wie Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen, Kariesprophylaxe, Sehhilfen, die Behandlung chronischer Erkrankungen, die Heil- und Hilfsmittelversorgung von behinderten Kindern sowie die Behandlung von psychisch traumatisierten Kindern und Jugendlichen.
Die Kinder- und Jugendärzte müssten teilweise monate- oder sogar jahrelang dafür kämpfen, dass etwas bewilligt wird. Deshalb fordern sie – wie nun auch wieder in den Anträgen des Deutschen Ärztetages – dass der Zugang zu Gesundheit und Bildung unabhängig von Aufenthaltsstatus und Alter umfassend gewährleistet sein muss. „Außerdem ist die Einführung einer Versichertenkarte für alle Flüchtlinge dringend geboten“, fordert Prof. Gahr. Diese wurde 2005 in Bremen und 2012 in Hamburg eingeführt, die damit gute Erfahrungen gemacht und Bürokratie eingespart hätten.

Mangelhaft: Hilfen für traumatisierte Kinder

Fehlt es schon an der allgemeinen medizinischen Versorgung, so ist die Lage traumatisierter Flüchtlingskinder noch prekärer.  "Die professionelle Hilfe für traumatisierte Flüchtlingskinder stößt in Deutschland allerdings noch auf viele Barrieren im Hinblick auf muttersprachliche, kulturelle, religiöse und insbesondere auch rechtliche Aspekte. Das Asylbewerberleistungsgesetz sieht so im Vergleich zum SGB XII zum Teil nur eingeschränkte Gesundheitsleistungen bei laufendem Asylverfahren, bei nur geduldeten Flüchtlingen oder bei aus bestimmten Gründen anerkannten Flüchtlingen vor. Hier droht unter Umständen ein langwieriges Verfahren, um eine Psychotherapie (ggf. nebst Dolmetscherkosten) vom Sozialamt bewilligt zu bekommen." (Karsten Herrmann 2015).

Die Gegner: Abwehr bis zum Hass

So positiv  viele Bemühungen wirken, so können wir nicht die Augen davor verschließen, dass es nach wie vor viel Abwehr bis hin zum Hass gegenüber Flüchtlingen gibt. Fast jeden Tag hören wir von Demonstrationen gegen oder gar Angriffen auf Flüchtlingsheime. Und  Menschen, die Flüchtlingen als Privatpersonen helfen, werden in übelster Weise beschimpft und bedroht. .

Das heißt: Es gibt zwei Fronten in diesem Bemühen um eine Willkommenskultur. Da sind die bürokratischen Hürden, die hoffentlich überwunden werden können. Und da sind der Hass und die Wut von Menschen, die sich weigern, sich in die Lage von Fllüchtlingen hineinzuversetzen.

Diese Gegner der derzeitigen Bemühungen nur abzulehnen, macht sie nicht klüger, sondern radikalisiert sie. Die Diskussion um Pegida hat gezeigt, dass es noch kein Rezept gibt, wie mit den rückwärts gewandten Menschen, die sich durch Fremdes bedroht sehen und oft selbst bedrohlich werden, umzugehen ist.

Quellen:

Pressemitteilung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung vom 28.5.2015

Pressemitteilung des Deutschen Caritasverbandes vom 29.5.2015

Pressemitteilung der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin e.V. vom 1.6.2015

Karsten Herrmann: Traumatisierte Flüchtlingskinder, http://www.erzieherin.de/traumatisierte-fluechtlingskinder.html

www.schulministerium.nrw.de

http://www.teachfirst.de/

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