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zwei U3 Kinder

"Die Schule muss ihren Auftrag heute neu verstehen"

06.12.2010 Kommentare (0)

Über die Schwierigkeiten von Migrantenkindern mit dem deutschen Bildungssystem sprach Ulrike Baureithel mit Barbara John, ehemalige Ausländerbeauftragte des Berliner Senats

Frau John, als Tochter polnischer Eltern sind Sie in Berlin-Kreuzberg aufgewachsen. In meiner Kindheit galt die katholische Tochter als besonders benachteiligt, aber hoch motiviert und wurde als Bildungsreserve „ausgeschöpft“. Sie haben kürzlich eine Studie vorgestellt, die besagt, dass in Deutschland zwar jedes dritte Kind einen Migrationshintergrund hat, aber nur jedes zehnte Einwandererkind Abitur macht. Sind Kinder aus Einwandererfamilien leistungsunwilliger als katholische Mädchen?

Die katholischen Mädchen waren leistungswillig, wurden aber nicht gefördert. Ganz ähnlich geht es vielen Kindern aus Einwandererfamilien. Heute geht es darum, dass die Schule ihren Auftrag neu versteht, das heißt, sie muss nicht nur bilden, sondern auch fördern und betreuen.

Das katholische Mädchen kam in der Regel aus Arbeiterverhältnissen oder anderen wenig privilegierten Schichten. Sehen Sie heute noch den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Schulerfolg und Bildungsniveau der Herkunftsfamilie?

Der Bildungsbenachteiligte unserer Tage ist der Einwandererjunge aus einem sozialen Brennpunkt der Großstadt. Diese Jugendlichen stammen oft aus einkommens- und bildungsschwachen Familien. Dazu kommt, dass der Zusammenhang zwischen schulischem und außerschulischem Lernen nicht erkannt wird und deshalb zu wenige Anregungen von der Familie kommen. Das hat kulturelle Gründe, denn es gibt Länder, die das Lernen ausschließlich an die Schule delegieren. In anderen Risikogruppen wie den vietnamesischen Einwanderern beobachten wir, dass der Bildungserfolg der Kinder groß ist, weil in den Familien ein ausgeprägter Bildungswille herrscht, der über Generationen weitergegeben wurde und sich nun auszahlt.

Die familiäre Diskriminierung der Mädchen wirkt sich in der Schule als Vorteil aus,weil sie früh wissen, dass sie das, was ihre Brüder ohnehin an Anerkennung bekommen, nur durch Leistung erreichen können.

Dass Mädchen schulisch erfolgreicher sind als Jungen ist im Einwanderermilieu noch ausgeprägter als in deutschen Familien, warum?

Jungen mit Migrationshintergrund werden oft von ihren Familien mit Privilegien ausgestattet, die sich als falsches Selbstbewusstsein niederschlagen. Die familiäre Diskriminierung der Mädchen wirkt in der Schule als Vorteil, weil sie früh wissen, dass sie das, was ihre Brüder ohnehin an Anerkennung bekommen, nur durch Leistung erreichen können.

Sehen Sie Unterschiede bei den Bildungschancen der ersten, zweiten und dritten Generation?

Die Kinder der ersten Generation hatten günstigere Bedingungen als die Kinder heute, denn sie waren in den Schulklassen in der Minderheit. Die Kommunikation war deutsch und die Einwandererkinder mussten sich danach richten. Diese Situation hat sich heute umgekehrt: Je jünger die Kinder sind, desto dramatischer ist die Segregation. In den Kitas und unter Schulanfängern gibt es immer weniger deutsche Kinder. Es reicht es nicht aus, Deutsch zu bimsen, sondern die Kinder müssen etwas erleben und verstehen, das sie sprachlich weitergeben wollen. Um diese Kinder sprachlich auf den gleichen Stand zu bringen, müssen sie Erfahrungswissen sammeln.

Es ist unstrittig, dass mangelnde Sprachkenntnisse ein Hemmnis darstellen. Welche Maßnahmen halten Sie für erforderlich?

Die Sprache ist ein Instrument, um Welt- und Sachwissen zu gewinnen. Deshalb reicht es nicht aus, Deutsch zu bimsen, sondern die Kinder müssen etwas erleben und verstehen, dass sie sprachlich weitergeben wollen. Um sie sprachlich auf den Stand zu bringen, müssen sie Erfahrungswissen sammeln. Das ist didaktisch eine ganz andere Aufgabe als der übliche Sprachunterricht. Die Schulen müssen neue Erlebnisräume öffnen, weil das in Familien, wo der Fernseher das vorrangige Medium der Erfahrung ist, zu kurz kommt. Selbst wenn Kinder über einen ausreichenden Wortschatz verfügen, verstehen sie nicht wirklich die Bedeutung und Kontexte, und das zieht sich durch bis in die höheren Klassen, sogar bis ins Studium.

Ist es besser, sprachliche Assimilation oder Zweisprachigkeit zu fördern?

Es ist egal, welche Sprache die Kinder in ihren Familien sprechen. Wichtig ist, dass dort überhaupt gesprochen wird, das unterstützt den Erwerb der Erst- und Zweitsprache. Die Krux ist, dass in Einwandererfamilien häufig zu wenig gesprochen wird. Die Schulen müssen rechenschaftspflichtig werden für die Kinder,die es nicht schaffen. Es wäre schon viel gewonnen, wenn in den Schulen über diese Kinder überhaupt nachgedacht würde.

Die selektive Wirkung des deutschen Schulsystems hat für Migrantenkinder gravierende Folgen. Wo sehen Sie Interventionsmöglichkeiten?

Voraussetzung ist eine gemeinsame Grund- und Sekundarstufe mit vielen Differenzierungsmöglichkeiten. Und dann natürlich die ganztägige schulische Betreuung. Darüber hinaus sollten die Schulen eine Bildungsgarantie geben, dass durchschnittlich begabte Kinder die Schule mit Grundfertigkeiten des Textverstehens, Schreibens und der Mathematik verlassen, sodass sie anschlussfähig sind und eine Ausbildung machen können. Wenn man merkt, ein Kind kommt nicht mit, müssen ganz früh schulische oder außerschulische Förder- und Betreuungsmaßnahmen ergriffen werden, die ganz unterschiedlich sein können. Wohlhabende Eltern kaufen sich das als Nachhilfe, ein Nachhilfesystem brauchen wir auch für die anderen. Außerdem müssen die Schulen rechenschaftspflichtig werden für die Kinder, die es dann doch nicht schaffen. Es wäre nämlich schon viel gewonnen, wenn in den Schulen über diese Kinder überhaupt nachgedacht würde.

Wäre es sinnvoll, mehr Lehrer mit Migrationshintergrund einzusetzen?

Das ist nicht ausschlaggebend, sondern dass Lehrer oder Lehrerin sich für das Kind interessieren, seine Fähigkeiten erkennen und überlegen, wie man es stärken kann. Das Kind muss den Eindruck gewinnen, dass ihm etwas zugetraut wird, dass jemand glaubt, dass es realistische Ziele erreichen kann. Es braucht Sponsoren, die hinter ihm stehen und dabeibleiben. Das überfordert die Lehrer in den gegebenen Schulstrukturen häufig. Andererseits ist auch ein Lehrertyp gefragt, der nicht um ein Uhr zuhause sein und zehn Wochen Ferien machen will.

Es gibt auch eine horizontale Segregation, etwa wenn deutsche Eltern ihre Kinder aus Angst vor Bildungsnachteilen nicht in Schulen mit hohem Ausländeranteil geben. Was würden sie dem entgegensetzten?

Jedenfalls nicht die Zwangsintegration, die funktioniert nicht, weil sich Eltern dem entziehen. Den Schulen bleibt nichts anderes übrig, als diese Eltern zu überzeugen, dass sie auch für deutsche Kinder attraktiv sind, d. h., sie müssen ihr Profil stärken und attraktive Angebote machen. Ich unterstütze auch die Bürgerschulen, die autonomer sind und bei denen das Geld den Kindern folgt und die Mittel in Zusammenarbeit mit den Bezirken und den Trägern eingesetzt werden. Dadurch könnten auch die Eltern stärker beteiligt und in die Verantwortung einbezogen werden.

Aber selbst bei gleicher Qualifikation sind die betroffenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen gegenüber ihren deutschen Konkurrenten benachteiligt, wenn sie einen Ausbildungsplatz suchen. Oft ruft schon der ausländische Name Vorurteile hervor, die Bewerber werden als bildungsschwach abgestempelt und kommen gar nicht erst zum Zuge. Hie und da mag es entsprechende Vorerfahrungen geben, die Arbeitgeber vorsichtig werden lassen, weil sie befürchten, diese Schwächen nicht auffangen zu können. Andererseits fehlt vielen Jugendlichen auch die Vernetzung, sie kennen sich nicht gut aus und Misserfolge entmutigen sie schneller, weil sie glauben, es habe ohnehin keinen Sinn.

Warum hat die deutsche Gesellschaft so wenig Interesse am kulturellen Kapital, das Menschen mit Migrationshintergrund mitbringen?

Ein Grund liegt in den Versäumnissen der Vergangenheit. In den 80er-Jahren war Integration geradezu ein subversiver Begriff. Damals war es politisch nicht gewollt, dass Menschen aus fremden Kulturen hier Fuß fassen, sie sollten kommen und wieder gehen. Das mag auch damit zu tun haben, dass die europäischen Nationalstaaten in besonderer Weise die kulturelle Homogenität betonen. Deshalb sieht man die einheimische Kultur von der fremden bedroht und das führt zu Abschottung. Selbst die muslimische Minderheit, die mental „preußischer“ ist als manche Berliner, die aber im öffentlichen Raum durch Kleiderordnungen und Kultbauten auffällt, hat keine Chance, sie wird als Bedrohung wahrgenommen. Das ändert sich erst, wenn man die Pluralität einer Gesellschaft nicht nur in Sonntagsreden feiert, sondern als erkennbare Struktur von oben fördert und sich zu ihr bekennt. Die Wirtschaft ist da viel weiter, die bezieht Vielfalt inzwischen selbstverständlich in Form des Diversity-Management ins ökonomische Kalkül ein. 

Berlin plant, ähnlich wie die Frauenförderpläne, ein spezielles Integrationsgesetz, um der Benachteiligung von ausländischen Bürgern zu begegnen. Ist das auch in diesem Fall ein sinnvolles Instrument?

Ich halte den Ansatz für fragwürdig, weil man Menschen mit Migrationshintergrund nicht per se als zu fördernde Gruppe definieren kann. Zwischen Einwanderern und Nicht-Einwanderern gibt es keinen substanziellen Unterschied, es ist eine künstliche Unterscheidung, die betont, dass eine bestimmte Gruppe noch nicht ganz dazu gehört. Gerade Kinder und Jugendliche wollen aber nicht nur auf dieses Kriterium reduziert werden. Ein solches Gesetz bewirkt das Gegenteil von dem, was wir wollen. Wir können im Bedarfsfall Sprachkenntnisse oder andere Fertigkeiten, die Einwanderer brauchen, fördern. Wir können auch deren besondere Fähigkeiten bei Stellenausschreibungen abrufen, all das lässt das Antidiskriminierungsgesetz zu. Aber wir sollten sie nicht generell zu einer besonderen Gruppe, auch nicht als zu bevorzugende, erklären.

„Ich halte nichts von einem speziellen Integrationsgesetz, weil man Menschen mit Migrationshintergrund nicht per se als zu fördernde Gruppe definieren kann.“

Barbara John

1981 - 2003 Ausländerbeauftragte des Berliner Senats. Seit 2003 Koordinatorin für Sprachförderung bei der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung, Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes und Vorsitzende des Beirats der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, alles in Berlin. Mitglied des Kuratoriums der Muslimischen Akademie in Deutschland.

Wir übernehmen dieses Interview mit freundlicher Genehmigung der Redaktion von Böll Thema 3 2010. Weitere Beiträge dieses Heftes finden Sie unter http://www.boell.de/publikationen/publikationen-boell-thema-3-2010-sozialer-aufstieg-10199.html

 

 

 

 

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