Kind guckt kritisch

„Die Herrschaft der Rotzlöffel“ - oder: Werden wir von Kindern beherrscht?

Angelika Mauel

22.10.2021 | Fachkommentar Kommentare (2)

Zwei Jahre nach „Die Rotzlöffelrepublik“ ist 2020 ein Folgeband erschienen: „Die Herrschaft der Rotzlöffel.“  - Wieder ein abfällig klingender Buchtitel, dachte ich, habe aber während des Lesens wie beim Erstling festgestellt, dass zwischen den Zeilen durchaus Verständnis für Kinder zu spüren war. Pointiert allerdings wurde über Eltern geschrieben, die für die Betreuung ihres Kindes in einer Kita Sonderrechte durchsetzen wollten oder die Anliegen der ErzieherInnen nicht nachvollziehen und anerkennen konnten. Doch warum nur dieser reißerische Titel und ein Cover, auf dem ein blondes Mädchen mit verschränkten Armen die schmollende Zicke mimt...

Können „Rotzlöffel“ herrschen?

Als Rotzlöffel galten früher die, „die sich noch den Rotz von der Nase schlecken“... Laut Wiktionary handelt es sich beim „Rotzlöffel“ um eine Person, meist Kind oder Jugendlicher, „die frech, dreist, arrogant und unbelehrbar auftritt, aber auch wehleidig, widerspenstig und weinerlich.“ - Eine vielfältig deutbare Erklärung: Auch Erwachsene könnten demnach „Rotzlöffel“ sein, also Eltern, ErzieherInnen, Vorgesetzte, PolitikerInnen und sogar kirchliche Würdenträger. Sie alle aber werden üblicherweise nicht mit dem aus dem 16. Jahrhundert stammenden und nicht mehr allzu gebräuchlichen  Schimpfwort bedacht. Werden Minderjährige heute „Rotzlöffel“ genannt, weist dies im Allgemeinen auf eine Grundeinstellung gegenüber Kindern und Jugendlichen hin, die nach Anpassung an die Erwartungen Erwachsener verlangt (Quelle). Sie hat Tradition: „Große“ wissen (angeblich) besser, was für „Kleine“ gut ist. Eine Einstellung, die von Pädagogen, Psychologen und Psychotherapeuten – und ErzieherInnen - immer wieder in Frage gestellt wird.

Ein Exkurs zur Entstehungsgeschichte von „Die Herrschaft der Rotzlöffel“

Strenge und Härte gegenüber Kindern wurden in Deutschland über Jahrhunderte als Erziehungsideal dargestellt. Theologen, Philosophen, Politiker, Schriftsteller und auch Pädagogen lobten Disziplin und Gehorsam. Doch seit der Rohrstock ausgedient hat und Kinder ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung haben (Quelle), achten Erwachsene auf andere Weise darauf, unerwünschtes Verhalten von Kindern zu beeinflussen. Mit Worten und Medikamenten lassen sich Kinder manipulieren.

Es war geschickt und „wegweisend“, Kinder auf den Buchtiteln der ersten drei Büchern des Kinder- und Jugendpsychiaters Michael Winterhoff als „Tyrannen“ zu bezeichnen. Sich gegenüber einem tyrannischen Kind durchzusetzen, gilt als erstrebenswerter Erfolg. Tyrannen sollte es nicht geben. Niemand sollte sich von ihnen bestimmen lassen und so muss keiner ein schlechtes Gewissen haben, wenn er es geschafft hat, sich gegenüber einem Tyrannen zu behaupten. Winterhoffs Bücher wurden auch im Ausland erfolgreich verbreitet und Buchtitel, die anderswo Bestseller waren, hatten auch bei uns Erfolg, wie beispielsweise das Bilderbuch „Verdammte Scheiße, schlaf ein!“ (Quelle).    

Und so surfen die beiden „Rotzlöffelbücher“ vielleicht auf einer Erfolgswelle deftiger Buchtitel und wenn Band 2 gut läuft, könnte Winterhoffs Tyrannentrilogie noch einen Ausläufer mehr bekommen. Es gibt noch vieles zu beleuchten und so lange jene Verlage, die Fachliteratur für ErzieherInnen herausbringen, die Berufsgruppe nicht dazu motivieren, über ihre Erfahrungen anschaulich und kritisch zu berichten, sollten Erzieherinnen sich nicht scheuen beide „Rotzlöffelbücher“ für den Buchbestand der Kita anzuschaffen. Der Inhalt weckt Erinnerungen, Gefühle und regt hoffentlich zu Veränderungen an.  

Während Carsten Tergast an „Die Rotzlöffelrepublik“ der Kindergartenleiterin Susanne Schnieder und der Diplompädagogin Tanja Leitsch lediglich als Co-Autor mitwirkte, heißt es nun „Susanne Schnieder mit Carsten Tergast“. Recht vollmundig werden Gedankengänge weiterverbreitet, die Winterhoff zum Bestsellerautoren gemacht haben. Tergast war an den ersten Erfolgsbüchern des mittlerweile massiver Kritik ausgesetzten Bonner Kinder- und Jugendpsychiaters laut eigener Aussage als Ghostwriter beteiligt. Susanne Schnieder war diejenige, die diesem vor Jahren einen langen Brief über den Alltag in Kitas geschrieben hat. Winterhoff leitete diesen Brief an Tergast weiter. Der Erstling entstand und war noch nicht so sehr von Winterhoffschem Gedankengut gefüllt wie „Die Herrschaft der Rotzlöffel“. Lesenswert wäre es, wenn die praxisnahen Ansätze des ersten Buchs in einem dritten – gern ohne „Rotzlöffeltitel“ mehr Raum einnehmen würden. Auf dem Schreibtisch von KindergartenleiterInnen wie Susanne Schnieder und auch den Leitungsfachkräften in Österreich und der Schweiz landete bestimmt manche Anweisung von oben, Empfehlungen, Richtlinien, Fortbildungs- , Mediations- und Supervisonsangebote, über die interessierte Eltern und ErzieherInnen unbedingt – auch als Steuerzahler! - mehr wissen sollten. 

Kritik an unseren „Kinderbildungsparadiesen“ war lange tabu

Arbeitsvertragliche Verpflichtungen zur Verschwiegenheit und der Datenschutz, aber auch Müdigkeit bis hin zur Erschöpfung in der Freizeit begünstigen ein fast kollektives Schweigen unserer Berufsgruppe. Und obwohl ErzieherInnen eine Menge zu Mangelzuständen und Fehlentwicklungen zu sagen hätten – professionell „auf Bestellung“ kritisieren dürfen eigens dafür bezahlte Qualitätsevaluateure. Regelmäßig wird von ihnen der Personalschlüssel beanstandet und eine Verbesserung der Fachkraft-Kind-Relation angemahnt. Und so heißt es bereits im ersten Absatz des Vorworts dazu passend: Wir schreiben auch deshalb... „weil diese Krise längst Business as usual geworden ist, der Normalbetrieb ist weit entfernt von einem Idealbetrieb.“ - Viele Erzieherinnen können den Begriff „Personalschlüssel“ nicht mehr hören. Kitas werden pflichtschuldig aufgemacht, auch wenn sie unter Berücksichtigung der Aufsichtspflicht an manchen Tagen geschlossen bleiben müssten.  

„Wie wir die Verhältnisse im Kindergarten endlich wieder vom Kopf auf die Füße stellen“, heißt es im Untertitel. So werden Erwartungen geschürt. Als ob eine Kehrtwende um 180 Grad voller Tatendrang angestrebt würde, denke ich und verstehe kein bisschen, wie der Buchtitel und das unter ihm stehende Statement miteinander zu vereinbaren sein sollen.

In Umfragen bekunden ErzieherInnen immer wieder ihre hohe Berufszufriedenheit. Nicht wenige ErzieherInnen sind sogar fest davon überzeugt, dass es den Kindern in ihrer Obhut wirklich gut gehen würde, auch wenn ihre „BezugserzieherInnen“ erst verspätet dazu kommen, volle Windeln zu wechseln und alles fix gehen muss. Schlecht gegen Schall gedämmte Räume, drinnen und draußen zu wenig Platz für die Kinder und, und, und... Anderswo ist es noch schlechter, glaubt man zu wissen. Darum will man nicht klagen, nicht die Stelle kündigen und beim Träger nicht vorpreschen mit Sonderwünschen oder gar Forderungen. Die Kinder, die in New York in einen Kindergarten, garantiert ohne Garten gehen müssen... Der Leistungsdruck in chinesischen Kindergärten... Bei uns ist es wirklich nicht sooo schlecht wie anderswo... Und man hat „uns versprochen“, „fest zugesagt“, „versichert, dass es nur noch etwas länger dauert“... Falsche Versprechungen von der einen Seite, übergroße Duldsamkeit von der anderen und faule Ausreden von beiden Seiten ermöglichen Zustände in der Kinderbetreuung, die einen „Traumberuf“ derart unattraktiv machen, dass chronischer Fachkräftemangel die unausweichliche Folge ist.

Nicht kindgerechte Betreuungsbedingungen? - Haben wir oft, selten oder - würden wir niemals zugeben!

Die Eingewöhnung der Jüngsten ist fast geschafft, da müssen schon die ersten Fortbildungen von KollegInnen besucht werden. (Eine Erholungspause, die mittlerweile gern durch Inhouse-Seminare für alle, am Samstag in der eigenen Kita, ersetzt wird.) Immer wieder „herrscht“ Personalmangel, dieser lästige, aufdringliche Rotzlöffel, mit dem niemand zu tun haben will... Drei übermüdete Kleinkinder der Regelgruppen sind ihm „zum Opfer gefallen“. Während des Mittagessens sind sie einfach von ihren Stühlen gerutscht. Dabei hatten wir doch das Mittagessen mit Rücksicht auf die Ein-und Zweijährigen um eine halbe Stunde vorverlegt.“ (Das oben genannte Beispiel stammt aus meiner Praxiserfahrung in einer mittelgroßen Einrichtung und führte dazu, dass darüber gesprochen wurde, ob man es überhaupt verantworten kann, Einjährige in eine Regelgruppe aufzunehmen. Die Antwort lautete Nein.)

Im Buch vermisse ich konkrete Beispiele dafür, auf welche Weise ErzieherInnen etwas anders gemacht haben als bisher. Als Springerin habe ich wiederholt miterlebt, dass ErzieherInnen bestimmte Dinge einfach nicht mehr (mit)machen. Wissend und schweigend wird vieles akzeptiert! Mal werden von den Fachkräften einer Gruppe einer Kita über mehrere Kindergartenjahre keine Bildungsdokumentationen geführt – und die Eltern finden es in Ordnung! So haben die ErzieherInnen mehr Zeit für ihre Kinder. In einem Vorstellungsgespräch habe ich vor Jahren gleich gesagt, dass ich höchstwahrscheinlich nicht bereit wäre, an der Durchführung des umstrittenen Delfin-4-Tests mitzuwirken. Erst wolle ich den zum „Spiel“ deklarierten umstrittenen Sprachtest lesen und über ihn nachdenken. (Ich habe die Stelle bekommen und kann nur empfehlen, mit Eltern und KollegInnen offen über Bedenken zu sprechen.)

Einiges im Buch kam selbst mir, die als Springerin öfter dort angefordert wurde, wo das Personal besonders knapp war oder nicht miteinander harmonierte, übertrieben vor. Eine Mutter, die meint ihr erheblich übergewichtiges Kind habe nur so viel Bauch, weil es falsch atmen würde. Ein kleiner Strip, bei dem die Bäuche von Mutter und Kind präsentiert wurden. Unglaublich, doch der Alltag übertrifft manche Phantasie. (Zahlreiche ErzieherInnen könnten mühelos Anthologien mit kuriosen Erlebnisberichten füllen. - „Nicht die Kinder, sondern die Eltern sind verhaltensauffälliger geworden“ denken einige. Oder die ErzieherInnen selbst oder die Praktikanten sind nicht mehr so belastbar wie früher?)

Ein Vater, der während der Eingewöhnung seiner Tochter mitspielt wie ein Kind? - „Männer sind wie Kinder“ sagen ErzieherInnen manchmal unter sich und wissen nicht, was sie während des Eingewöhnungsphase angenehmer finden: Väter, deren Aufmerksamkeit auf Laptop oder Papiere geheftet ist – oder Väter außer Rand und Band, die urige Grimassen schneiden und für die Kinder „Das Monster“ spielen.

Hat Michael Winterhoff mit seinen Thesen, die die Unreife der Generation der ab 1995 Geborenen betreffen, eigentlich Recht? Oder müssen wir uns fragen, inwiefern die Selbstdarstellungen der Einrichtungen wesentlich zu Missverständnissen und falschen Erwartungen beitragen? Wenn eine  Kita als „Familienzentrum“ ausgezeichnet wurde, ist es naheliegend zu meinen, dass es dort familiär zugeht. Kinder lieben Quatsch und dürfen gern qietschvergnügt sein. Übermüdete Eltern brauchen Schlaf. Je besser aufgehoben sie sich fühlen, um so weniger konventionell und zurückhaltend werden sie sich benehmen. Gönnen sich Eltern in der Kuschelecke oder auf einer Bank im Außengelände also während der Eingewöhnung ihres Kindes mal ein Nickerchen, kann der „Powernap“ auch eine Akzeptanz  der Konzeption der Kita sein. Besser als durch ein unbesorgtes Einschlafen in der Kita kann ein Elternteil seinem Kind doch gar nicht signalisieren, dass es in seinem „zweiten Zuhause“ bestens aufgehoben ist!

Eltern bitte sanft wecken?

Absurd anmutende Einblicke in den Kindergartenalltag führen zur Frage, wie es zu „so etwas“ kommen kann. Eltern dürften sich mehrheitlich kaum in jenen Szenen wiedererkennen, in denen ungewöhnliche Ansinnen und Auftritte - ernst und ironisch zugleich - übermittelt werden. Im Alltag ist es beileibe nicht so, dass Eltern überwiegend bedenkenlos und zum eigenen Vergnügen Kinder krank in die Betreuung bringen würden. (In beiden Bänden wird betont, dass Aussagen zu Eltern nicht für alle Eltern gelten würden.) Die meisten meinen es nur gut, verfügen sehr wohl über Intuition, wenn auch nicht unbedingt über umfangreiche Erfahrungen mit Kindern. Nachdem ErzieherInnen immer wieder mal unterstellt wird, sie würden im Personalzimmer ausgiebig über Eltern klatschen, ist die starke Fokussierung auf „sonderbare Mütter und Väter“ heikel. Eltern könnten ErzieherInnen für Tratschtanten halten.

Auch kritische Eltern verdienen Lob!

Wenigstens ein Beispiel über eine Situation, in der ein Elternteil etwas klar durchdacht zum Wohl der Kinder gesagt oder getan hat, hätte für mehr Ausgewogenheit im Buch gesorgt. Mir gefielen die treffenden Statements von Vätern aus handwerklichen Berufen während der Bring- und Abholzeit immer besonders gut. Einer beanstandete mal, dass der hölzerne Puppenwagen von den Kindern nicht genutzt werden durfte, um sich gegenseitig in ihm zu kutschieren. Er erklärte und lobte die ausgezeichnete Qualität des stabilen Fahrzeugs mit den Zapfenverbindungen. Bei späteren Vertretungseinsätzen konnte ich mich davon überzeugen, dass der Wagen tatsächlich allen Belastungen standgehalten hat.  Handwerker haben oft einen Blick dafür, wo eine Schraube nachgezogen werden muss oder der Bauzaun nicht dicht genug schließt, so dass ein Kind entwischen könnte (Quelle /siehe Bild 3 und 4).

„Sind Kinder mit Schnoddernasen krank oder noch gesund?“

Sachinformationen und lesenswerte Episoden findet man unter der treffenden Kapitelüberschrift „Er wollte doch so gern her! Kranke Kinder in der Kita“. Doch wenn am Ende über die WhatsApp-Gruppen der Eltern gesagt wird, dass in ihnen gelästert wird, dann drängt sich die Frage auf, was denn die Autoren mit ihren „Rotzlöffelgeschichten“ getan haben... Und - Hand aufs Herz! – Gerade der Erzieherberuf verleitet dazu, dass wir uns auf Kitafesten oder Elternabenden schon mal in den Augen der Eltern höchst sonderbar benehmen. Es gibt Spiele zur Auflockerung und pädagogische Modetorheiten, über die später gespottet wird!  

Immerhin in „Die Rotzlöffelrepublik“ wurden konkrete Forderungen gestellt: Die Wiedereinführung von Attesten, eine Verlängerung der Liste der Krankheiten, bei denen Kinder unbedingt daheim sein müssten und verbindliche Genesungszeiten. - Lauter gute Ideen, die von den Vorsitzenden der Verbände der Kinder- und Jugendärzte nicht unterstützt wurden. Souverän werden Kitas von den „Halbgöttern in Weiß“ weiterhin zu immunologischen Trainingslagern (v)erklärt. Doch während der Coronaschutzmaßnahmen, erlebten Eltern und Erzieherinnen wie erfreulich gesund die Kinder dank deutlich kleinerer Gruppen sein konnten. So sollte es immer sein, nur ohne Corona!

Von Seiten der Ärzteverbände wurde über Monate die weite Öffnung der Kitas und Schulen gefordert (Quelle): Ausgerechnet Kinderärzte sorgten so dafür, dass es für ErzieherInnen im Laufe der Pandemie noch schwieriger und aussichtsloser wurde, zu erreichen, dass endlich mal Schluss damit ist, kranke Kinder in Kitas andere anstecken zu lassen. Ärzte haben genau das gesagt, was Eltern heute zu gern hören und glauben wollen.

Es wird nicht einfacher werden

„Rotzlöffeleltern“ scheinen ihre angeblichen Rechte besser zu kennen als ihre Pflichten gegenüber ihrem Kind. „Wissenschaftler haben gesagt...“ Und schon meinen viele, es sei ein Gewohnheitsrecht Kinder mit „Rotznäschen und glühenden Wangen“ in die Betreuung zu geben. In Privatkitas sind sogar Übergaben möglich, die in kirchlichen und städtischen Kitas noch undenkbar wären. „Ich weiß dass mein Kind Fieber hat, aber ich habe ein wichtiges Meeting und komme es sofort danach abholen. Versprochen!“

Als ich vor Jahren dazu übergegangen bin, im Krankheitsfall stets den Elternteil zum Abholen eines dank Zäpfchen oder Fiebersaftes „gesund gemachten“ Kindes anzurufen, der es auch gebracht hatte, meldeten sich bald die „übergangenen Mamas“. Immer wieder hieß es „Wenn mein (oder seltener „unser“) Kind krank ist, rufen Sie bitte immer mich an.“ Und ich habe mich nicht getraut zu sagen „Okay, aber Sie verzichten in Zukunft darauf, das Kind von ihrem Partner krank abgeben zu lassen, weil es sich von ihm leichter löst als von Ihnen.“ Sobald wir „nur ein Gefühl“ haben, aber nichts beweisen können, beschränken wir uns meist darauf, „bloß kein Wort zu viel zu sagen.“   

Die Botschaft des Buchs?

Das Buch lässt sich gut lesen und nachdem ich den Terminus „Grobziel“ schon während meiner Erzieherausbildung hässlich fand, verzichte ich darauf, es hinsichtlich eventueller „Grob- , Fein- und sonstiger Ziele“ zu untersuchen. Der Titel missfällt mir. Könnte es sich bei ihm um einen „Fake-Titel“ handeln und statt der Kinder haben die Eltern dieser Kinder eine „Rotzlöffelmentalität“? - Tatsächlich mangelt es nicht an Beispielen, in denen Kritik am Verhalten oder den Erwartungshaltungen der Eltern geübt wird. Genannt werden typische Ausreden. Es geht um die Hyperempfindlichkeit mancher Eltern. Bezüge zu Michael Winterhoffs Behauptungen ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch. Da ist von verlorener Intuition und Projektion der kindlichen Wehwehchen auf die Eltern selbst die Rede (Seite 103). Auf Seite 145 heißt es, dass die so wichtige Eigenschaft der „Frustrationstoleranz in den letzten 15 Jahren stetig auf dem Rückzug sei.“ - Je präziser manche Behauptungen sind, um so mehr Zweifel am Wahrheitsgehalt tauchen bei mir auf. Aus welchem Grund sollte ich etwas glauben, was ich aus eigener Anschauung nicht bestätigen kann? Wissenschaftliche Belege für die nachlassende Frustrationstoleranz werden wie von Michael Winterhoff nicht genannt.

Wie soll es weitergehen in Kitas? Mit Corona, nach Corona...

Selbstverständlich ist, dass Susanne Schnieder und Carsten Tergast, deren Arbeit am Buch zu Beginn der Corona-Pandemie endete, nicht die Auswirkungen der folgenden Monate auf Kinder und Erwachsene vorweg thematisieren konnten. Diese Zeit der Beschränkungen aber wird noch nachwirken. Lediglich einige Gedanken zur Betreuung unter Corona finden sich an mehreren Stellen verstreut.

Schade ist, dass im zweiten Band manches über weite Stecken entweder für Eltern oder für Fachkräfte überflüssig ist - oder zumindest bestens vertraut. So erwecken die insgesamt unterhaltsamen Schilderungen den Anschein von Dampfplauderei. Was für Eltern lesenswert ist, zum Beispiel das Plädoyer für die Wichtigkeit des Spiels, haben Fachkräfte in Aus- und Fortbildungen wohl schon zur Genüge gelernt. Als Schonkost für alle möchte ich das Kapitel „Oh, ein Schmetterling!“ bezeichnen, in dem es um die Aufsichtspflicht geht. Lesern wird vorenthalten, dass es in den letzten Jahren in Krippen und Kitas schon zu einer Reihe tragischer, sogar tödlicher Unfällen von Kindern gekommen ist (Quelle). Diese jedoch ereigneten sich keineswegs allesamt weil „die Personaldecke viel zu dünn“ gewesen wäre, sondern weil sich einer auf den anderen verlassen hat oder Routine oder Selbstüberschätzung dazu geführt haben, dass die Aufsichtspflicht nicht ernst genug genommen wurde. -  Solange Kinder noch Hilfe beim Abputzen ihrer Nase brauchen, ist eine lückenlose Beaufsichtigung in Wassernähe unerlässlich. Gerade Fachkräfte müssen es für möglich halten, dass Kinder in jedem Alter überraschend danach trachten, eigene Wege zu gehen. Wir wissen, dass Elternlob und Schwimmabzeichen keineswegs bedeuten, dass ein Kind schwimmen kann. Tragische Unfälle und Schuldsprüche sind überzeugende Argumente dafür, dass gute Kitas einiges mehr als nur einen offiziell „guten Personalschlüssel“ bieten müssen.

Wir müssen wieder dahin kommen, dass Träger es sich leisten können, Bewerber abzulehnen, Probezeiten nicht zu verlängern oder ungeeigneten Kräften zu kündigen. Anke Ballmann hat in „Seelenprügel“ (Quelle) dargelegt, dass keineswegs alle Fachkräfte im Dienst immerzu gut genug für ihre verantwortungsvolle Arbeit sind. Vor Gericht landeten schon wiederholt ErzieherInnen, die Kinder verbal oder sogar körperlich attackiert haben. Da drängt sich die polemische Frage auf: Handelte es sich um besonders heftige „Burnouts“ oder müsste ein Rückfall von  professionell Erziehenden in eine „Rotzlöffelphase“ diagnostiziert werden?

Wer oder was herrscht eigentlich über wen?

Kinder über Erwachsene, Männer über Frauen – oder umgekehrt? Oder „herrscht“ ein Trend, ein Zeitgeist über (fast) alle? Nur weil ein Teil der Erwachsenen, beispielsweise überzeugte Anhänger von Michael Winterhoff,  davon ausgeht, dass viele Kinder allzu tyrannisch wären, müssen diese Kinder keineswegs Macht über andere ausüben. Körperlich sind Kinder gegenüber Erwachsenen unterlegen. Verbal ebenfalls. Kinder sehen, was Erwachsene tun und nehmen sie sich zum Vorbild. Doch nehmen sich „Herrscher“ ihre Untertanen zum Vorbild? - Wohl kaum. Kinder erleben im Spiel draußen, in Rollenspielen und selbstverständlich auch vor dem Bildschirm mehr Allmachtsphantasien als dass sie wirklich Macht über andere hätten. Im Alltag mögen sie es zwar nicht in jeder Phase, aber insgesamt sind sie oft dankbar, wenn ihnen von „Großen“ geholfen wird, wenn ihnen etwas gezeigt wird - und wenn vor allem ihre Eltern Zeit für sie haben.

Weil es wichtig ist, Zeit für Kinder zu haben

Gestresste Eltern leiden und der Drang „funktionieren zu wollen“ lässt keine Zeit, sich in die Situation der Kinder und ihrer ErzieherInnen hineinzuversetzen. Der eigene Kopf „raucht“ - und Kinderkärm soll ja angeblich „Zukunftsmusik“ sein...  Dabei ist es dringend geboten, Erzieherinnen und Kindern „ohrenbetäubenden Lärm“ zu ersparen. Susanne Schnieder hat sehr authentisch auf die Belastungen für den Gehörsinn der Fachkräfte hingewiesen. Tinnitus führt nicht selten zu nervlicher Überlastung und weiteren Beschwerden. Diese werden vor den Kindern oftmals überspielt, was eine zusätzliche Belastung für Betroffene sein muss. Susanne Schnieder hat auch klargestellt, dass der zu hohe Geräuschpegel durch zu große Gruppen ebenfalls den Kindern schadet. Wie so vieles, was der Massenverwahrung geschuldet ist. Was wäre wohl los, wenn nur zehn Prozent der ErzieherInnen, denen die legalen Betreuungskonditionen für die Jüngsten nicht gut genug sind, sich gegen die Betreuung unter den üblichen Bedingungen aussprechen würden? Jede 45-Stunden-Betreuung bedeutet, dass sogar Kleinkinder und Babys im Schichtdienst von wechselndem Personal betreut werden. Kinder schlafen im Beisein einer Erzieherin oder eines Erziehers ein und wenn sie wach werden, blicken sie in ein anderes Gesicht. Manches Kleinkind wird weinerlich, weil es das Gesicht von Mama oder Papa erwartet hat. Oder das der zuletzt gesehenen BetreuerIn. Mit Tränen in den Augen schlafen sensible Kinder dann noch mal kurz ein und wenn sie danach wach werden, strahlen sie vielleicht sogar das zuletzt gesehene Gesicht an.  Kleine Kinder möchten wissen, wer sie erwartet. Ihnen wird abverlangt, sich auf das einzustellen, was die Erwachsenen ihnen gerade zu bieten haben. Und das ist oft zu wenig. - Wir sollten das nicht fürs eigene Wohl und das der Eltern beschönigen.   

Wie viel Kritik an der eigenen Berufsgruppe können Fachkräfte eigentlich annehmen?

Im zweiten Buch vermisse ich die Auseinandersetzung mit „Herrschaftsfragen“ noch mehr als im ersten. Dabei wird das Problem keineswegs durchgehend vermieden, wie der Abdruck des „Antreibertests“ auf Seite 111ff. zeigt. Mit der Aufforderung an Fachkräfte, ihn auszufüllen, überlässt das Autorenduo es uns, festzustellen, inwieweit wir uns steuern und antreiben lassen und manchmal reflexhaft das tun, was ein anderer von uns erwartet. Den aussagekräftigen Test kennen vermutlich einige bereits von Fortbildungen. Warum aber wird im Buch das Verhalten von ErzieherInnen nicht wie das von Eltern humorvoll und kritisch beleuchtet?

Kann es sein, dass ErzieherInnen Angst vor anderen ErzieherInnen haben?

Manchmal frage ich mich, wie es um die Solidarität unter Frauen in einem „typischen Frauenberuf“ bestellt ist. Es hat lange gedauert, bis Kitafachkräfteverbände in fast allen Bundesländern geplant oder erfolgreich gegründet wurden. Werden sich die dort engagierten Fachkräfte besser auf ein gemeinsames Vorgehen einigen, als nur einem Team zugehörige ErzieherInnen es in den letzten Jahrzehnten geschafft haben? Wer mag noch seine für gut gehaltene Idee vertrauensvoll anderen vorstellen, wenn auf der Teamsitzung schon gegähnt wird, weil sie so lange gedauert hat?

Ist es nicht bezeichnend, dass wir ErzieherInnen zwar selbstverständlich immer reflektieren sollen, aber nicht von uns erwartet wird, dass wir uns selbst und auch mal unsere KollegInnen gründlich kritisieren? „Was fällt der nur ein? Die soll mal selbst...“ - Was wir aus freien Stücken spontan zu gern loswerden würden, könnte als „Mobbing“ zutiefst abgelehnt werden und tief verletzen. Da mag die Botschaft noch so nett verpackt worden sein. Doch was erfragt wird, wenn ein Mediator oder Supervisor für das Team gebucht wurde, scheint über einen entsprechenden Verdacht erhaben zu sein. Wie viele Erzieherinnen fühlten sich beim Gruppentreffen unter Druck gesetzt, hätten am liebsten nicht mitgemacht? - Die Herrschaftsfrage – wer herrscht auf welche Weise über ErzieherInnen – verdient es, kritisch untersucht zu werden. Nur weil die Kinder unsere Geduld brauchen, heißt das nicht, dass Erwachsene sie gleichermaßen brauchen.   

Wenn Kinder in Krippen und Kitas Anlass zum Weinen, Trotzen oder Toben haben, tun sie es

… oder sie sitzen apathisch da, gucken verstört, werden blass, erbrechen... Nach Herrschaftsgebaren sieht weder das eine noch das andere Verhalten aus. - Und wie verhalten sich ErzieherInnen, wenn  sie am Limit sind? Alles Wissen zur Salutogenese hat nichts genützt. Nach einem Burnout oder Depressionen fehlen Fachkräfte nicht selten monatelang. Nicht jeder Wiedereinstieg in den Wunschberuf gelingt. Manchmal sitzen deshalb auch Erzieherinnen apathisch auf Kinderstühlchen.  Und während KollegInnen Apathie bei Kleinkindern selbstverständlich hinnehmen und fest darauf vertrauen, dass es schon besser werden wird, halten sie entsprechende „Aussetzer“ bei Kolleginnen oftmals für nicht mehr tragbar.

Es mangelt nicht an Stoff für einen weiteren Band über den Alltag in Kitas. Und wenn darin die Herrschaftsallüren gegenüber ErzieherInnen zur Sprache kämen, könnte sogar ein „Tyrannentitel“ passen. Vielleicht erinnern sich einige Erzieherinnen daran, wie sie lachend oder stöhnend gesagt haben „Darüber müsste man ein Buch schreiben!“ - und fangen einfach mit einem ersten Satz an. V

So wie Kinder den ersten Schritt tun. - Es geht.

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Kommentare (2)

Dr. Erika Butzmann 28 Oktober 2021, 18:46

Von wem stammt dieser Artikel? Wer hat den Bericht geschrieben. Habe ich trotz Suchen den Namen übersehen?

Lisa Jares

Danke für den Hinweis, dass die Autorenangabe fehlte, die Beitrag ist von Angelika Mauel.

Ramona Hüwelmann 22 Oktober 2021, 20:41

Das was dort beschrieben steht , sehe ich ganz genauso. Es ist nur schade das immer nur von Erziehern und Kitas die Rede ist. Denn in der Kindertagespflege ist es genauso und oft noch schlimmer wie ich in meinem Altag als Tagesmutter täglich miterleben. Sri es um den fehlenden Respekt mir gegenüber von den Eltern, due Bezahlung , Betreuungszeiten, Kündigung , Essensgeld versteuern usw, usw.

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