Qualifikationsmöglichkeiten für den Beruf der Erzieherin bzw. des Erziehers in Deutschland
07.04.2009 Hilde von Balluseck
In der Kindertagesbetreuung arbeiten vorwiegend ErzieherInnen. Dieser Beruf hat eine lange Tradition in Deutschland (zur Geschichte siehe Der Kontext der akademischen ErzieherInnenausbildung) und wird an Fachschulen erlernt. An die Prüfung schließt sich die staatliche Anerkennung an, die in den meisten Ländern Voraussetzung für eine Anstellung ist. Neben staatlich geprüften ErzieherInnen arbeiten aber auch Kinderpflegerinnen in der Kita und andere Berufe, die nicht an der Fachschule vermittelt werden. Und neben der ErzieherInnenausbildung an Fachschulen gibt es inzwischen das Studium der Pädagogik der frühen Kindheit (auch unter dem Namen Erziehung und Bildung im Kindesalter u.ä.) an Fachhochschulen oder Universitäten. Ein fachlicher Unterschied zwischen Fachschulen und Hochschulstudiengängen besteht darin, dass Fachschulen für die Arbeit mit Kindern und jungen Menschen bis 27 ausbilden, während die frühpädagogischen Studiengänge auf die Arbeit mit Kindern bis maximal 13 Jahre spezialisiert sind.
Ausbildung und Studium
Die Ausbildungsmöglichkeiten für ErzieherInnen sind in Deutschland höchst unterschiedlich, weil die Bildungshoheit den Ländern obliegt. Das heißt, dass die Zugangsvoraussetzungen und die Ausbildung an den Fachschulen sich je nach Bundesländern unterscheiden. Es unterscheiden sich auch die Bedingungen, die die Ministerien an die Träger für die Anstellung von pädagogischen Fachkräften stellen. An den Hochschulen, die Studiengänge eingerichtet haben, ergibt sich eine starke Differenzierung durch die Hochschulautonomie, die dazu führt, dass in dem einen Studiengang die Dauer der praktischen Phasen mit denen an einer Fachschule vergleichbar ist, während sie in einem anderen recht gering ist. Des Weiteren sorgen die unterschiedlichen Anforderungen der Träger für eine Differenzierung.
Aus diesen Unterschieden entsteht ein gehöriges Durcheinander und fehlende Transparenz. Diese wurden allseits schon lange beklagt. Sie wurden jedoch nochmals verstärkt durch die Föderalismusreform von 2006, in der alle Entscheidungen im Hinblick auf Bildungswege und -institutionen den Ländern zugesprochen wurden, auch für die Fach- und Hochschulausbildung So hat heute niemand einen Überblick über die Regelungen in allen Bundesländern. Auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) verweist die Besucher seiner Website „Vorteil Kinderbetreuung“ auf die jeweiligen Ministerien.
Diese Situation führt zu einer gewissen Unsicherheit auf allen Seiten. Einerseits müssen sich die InteressentInnen für eine Ausbildung jeweils in ihrem Bundesland informieren, welche Zugangsvoraussetzungen, Ausbildungs-/Studien- und Anstellungsbedingungen bei ihnen gelten. Andererseits steht die Redaktion dieses Portals immer wieder hilflos vor entsprechenden Anfragen und verweist - genau wie auch das Bundesministerium - die FragerInnen an ihre Ministerien (Häufig gestellte Fragen).
Dies ist ein skandalöser Zustand, wenn man das aufgeplusterte Reden über Bildung ansieht, das uns von allen Seiten entgegen tönt. Denn das erste, was Bildung braucht, ist ein transparentes System. Dies ist aber nicht gegeben.
In dieser Situation versucht die Redaktion, in den nächsten Monaten Auskünfte zu erhalten über die Bedingungen in den einzelnen Ländern. Dazu sind wir auf die Informationen von Fachkräften vor Ort angewiesen und auf eigene Recherchen.
Ob eine Fachschul- oder eine Hochschulausbildung „die richtige“ ist, entscheiden BewerberInnen heute aufgrund ihrer Zugangsvoraussetzungen, ihrer persönlichen Neigung und der Anzahl der Studienplätze. So ist die Hochschulzugangsberechtigung heute schon in vielen Ländern erforderlich, hingegen gibt es Hochschulen, die auch längere einschlägige Berufstätigkeit aufgrund der Landesgesetzgebung als Hochschulzugangsberechtigung anerkennen können. Viele junge Menschen trauen sich ein Studium nach ihren Schulerfahrungen nicht zu, dann machen sie - zunächst jedenfalls - eine Fachschulausbildung.
Die Akademisierung
Als die Bachelor-Studiengänge ab 2004 an Hochschulen eingerichtet wurden, gab es die Befürchtung, sie werteten die Fachschulausbildung ab. Inzwischen gibt es ein durchaus produktives Miteinander der beiden Ausbildungsinstitutionen. In ihrer Studie elementar und professionell haben Peer Pasternack und Karsten König diese beiden Ausbildungen nebeneinander gestellt (kostenloser Download) und verschiedene Wege für die zukünftige Entwicklung aufgezeigt. Im Rahmen des Projekts PIK der Robert Bosch Stiftung sind für die Hochschulen Maßstäbe für Inhalte und Kooperationen mit der Praxis entwickelt worden, die auch für Fachschulen Standards setzen (www.profis-in-kitas.de).
Das Hochschulstudium ist in jedem Fall ein Weg, um auch als ErzieherIn eine gewisse Karriere zu machen. Soviel wie ein Banker, Investmentberater oder Manager werden Sie damit nie verdienen, aber immerhin soviel, dass Sie gut davon leben können, und Teile Ihrer Familie auch. „Karriere“ kann bedeuten, dass man mit einem Bachelorabschluss gleich in eine gute Stelle mit Aufstiegschancen hineinkommt. Karriere kann aber auch bedeuten, dass ein/e Bachelor-AbsolventIn einen drei- oder viersemestrigen Masterstudiengang absolviert, danach promoviert, und dann selbst in die Wissenschaft geht - als HochschullehrerIn oder ForscherIn.
Durchlässigkeit
Problematisch ist nach wie vor die Durchlässigkeit. „Durchlässigkeit" heißt, dass eine auf einer Ausbildungssstufe erworbene Qualifikation auf einer anderen angerechnet wird, so dass nicht mehr alle dort verlangten Leistungen erbracht werden müssen. Während in anderen Ländern Qualifikationen auf einer höheren Ausbildungsstufe anerkannt und angerechnet werden, sind in Deutschland diese Bemühungen noch am Anfang. Mit diversen Projekten haben immerhin einige Hochschulen in den letzten Jahren erreicht, dass Anrechnungsverfahren für ErieherInnen mit einem Fachschulabschluss entwickelt wurden. Die Methoden sind jedoch immer noch viel zu aufwändig.
Immerhin hat jetzt die Kultusministerkonferenz, das oberste Gremium in Deutschland für die Erarbeitung von Vorgaben für den Bildungsbereich, die Zugänge von beruflich qualifizierten Personen zum Hochschulstudium erleichtert. Lesen Sie hier:
Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 06.03.2009
PDF-Datei, 178 kb
Personalbedarf angesichts des Ausbaus von Betreuung, Erziehung und Bildung für unter Dreijährige Kinder
Durch die Initiative der Bundesregierung für den Ausbau der Krippenbetreuung, -erziehung und -bildung entstehen Fragen im Hinblick auf das benötigte Personal (vgl. auch Berufspolitik). Auch hier wäre Durchlässigkeit angesagt, da allein mit den an Fachschulen und Hochschulen ausgebildeten ErzieherInnen der Bedarf an ErzieherInnen voraussichtlich nicht gedeckt werden kann. Darauf wies eine Tagung der AWO hin „Wer soll das eigentlich alles machen?“, die am 21./22. Januar 2009 in Berlin stattfand (siehe Qualifikation und Professionalisierung). Entscheidend ist in jedem Fall, dass LeiterInnen in Kitas in der Lage sind, mit Personal unterschiedlicher Qualifikationsstufen zusammen zu arbeiten. Der alte Dünkel: Ich bin etwas Besseres, weil ich eine längere Ausbildung habe, muss endlich der Kooperation und den Bemühungen, gemeinsam besser zu werden, weichen.
Neben der Tätigkeit als ErzieherIn steht die Tätigkeit von Tagesmüttern und Tagesvätern in der Kindertagespflege (s.dazu auch Praxis und Berufspolitik). Zur Qualifikaton des Personals in der Kindertagespflege hat die Bundesregierung ein Programm mit insgesamt 20 Millionen Euro aus dem Europäischen Sozialfonds aufgelegt, in dem bundesweit 200 Standorte als Modelle für Steuerung und Koordinierung den Ausbau der Kindertagespflege fördern sollen.
Im ersten Quartal 2009 starten Maßnahmen zur bundesweiten Qualifizierung der Tagesmütter und Tagesväter. Dazu gehört ein 160 Stunden umfassendes Curriculum für die Kindertagespflege „ein Grundniveau der Qualifizierung“ erreicht werden. Dem widerspricht allerdings, dass das Aktionsprogramm sich an „geeignete Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger mit pädagogischer Ausbildung, arbeitsuchende Erzieherinnen und Erzieher bzw. Kinderpflegerinnen und Kinderpfleger und andere pädagogische Fachkräfte sowie Berufsrückkehrerinnen und Berufsrückkehrer“ wendet (www.vorteil-kinderbetreuung.de). Denn diese müssten diese grundlegende Form der Qualifizierung ja nicht in jedem Falle wahrnehmen. Es bleibt abzuwarten, wer wirklich in die Kindertagespflege geht und was Evaluationen dieser Ausbildungsbemühungen ergeben.
Ausbildung, Praktikum und Studium im Ausland
Welche Bedingungen erfüllt sein müssen, um eine Ausbildung oder ein Studium (teilweise) im Ausland zu absolvieren, ist ebenso wie die Ausbildungen selbst nicht bundeseinheitlich geregelt. Das bedeutet, dass jede/r in einer Ausbildung oder einem Studium an der jeweiligen Ausbildungsinstanz Unterstützung braucht, um Erfahrungen im Ausland mit einbeziehen zu können. Wer also eine Fachschule oder Hochschule für eine Ausbildung sucht, tut gut daran, vorher zu fragen, ob es Auslandskontakte gibt und worin die Unterstützung z.B. bei der Suche nach einem Praktikumsplatz besteht.
Anerkennung von im Ausland absolvierten Ausbildungen
Die Nachweise über eine Ausbildung im Ausland reichen häufig für eine Anstellung zu vollem Gehalt nicht aus, sondern müssen durch Nachqualifizierungen ergänzt werden. Wie die Anerkennung im Einzelnen aussieht, entscheidet wiederum das zuständige Ministerium.
Für alle in diesem Bereich angesprochenen Fragen planen wir weitere Recherchen und bitten um Hinweise.
Ausführliche Informationen zu Anzahl und Qualifikation des Personals in Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflege finden Sie im Zahlenspiegel des Deutschen Jugendinstituts (http://www.bmfsfj.de/bmfsfj/generator/Publikationen/zahlenspiegel2007/root.html).
Zur Durchlässigkeit im Bildungssystem empfehlen wir die Bücher:
- Freitag, Walburga (Hrsg)(2008): Neue Bildungswege in die Hochschule. Anrechnung beruflich erworbener Kompetenzen auf Hochschulstudiengänge für Erziehungs-, Gesundheits- und Sozialberufe. Bielefeld: Bertelsmann
- Balluseck, Hilde von/Kruse, Elke/Pannier, Anke/Schnadt, Pia (2008): Von der ErzieherInnenausbildung zum Bachelor-Abschluss. Mit beruflichen Kompetenzen ins Studium. Berlin: Schibri.
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Jutta G. am 05.08.2010, 11:07 Uhr
HBalluseckHilde von Balluseck am 18.07.2010, 07:43 Uhr
Ramona Sch. am 12.07.2010, 19:45 Uhr
HBalluseck am 21.06.2010, 07:34 Uhr
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HBalluseck am 22.08.2010, 07:17 Uhr