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Kindergruppe

"Die Kita als einen sicheren Ort entdecken!" Flüchtlingskinder in der Kita

Axel Möller im Gespräch mit Sibylle Münnich

11.11.2015 Kommentare (0)

Im Folgenden übernehmen wir einen Beitrag aus klein & groß mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

„WillkommensKITAs“ ist ein Programm zur Unterstützung von sächsischen Kindertageseinrichtungen, die Kinder aus Flüchtlingsfamilien aufnehmen. Wir sprachen mit dem Experten des Projekts Axel Möller über Erfahrungen, Chancen und Handlungsmöglichkeiten für das Leben und Lernen mit Kindern aus Flüchtlingsfamilien.

klein&groß: Herr Möller, seit 2014 gibt es das Programm „WillkommensKITAs“ für Kitas in Sachsen, die Kinder von Flüchtlingsfamilien aufnehmen. Was sind die Bausteine dieses Programms?

Axel Möller: Im Programm WillkommensKITAs in Sachsen der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) gibt es drei hauptsächliche Bausteine, die im Dialog mit den teilnehmenden Kitas durchgeführt werden.

Der erste Baustein ist das Einrichtungscoaching für die Kitas. Hier unterstützen die Coaches die Teams der Einzeleinrichtung und ermitteln die pädagogischen, organisatorischen und strukturellen Problemstellungen. In Reflexionsrunden wird die Ausgangssituation analysiert, werden die Ziele und Maßnahmen festgelegt und in eine Meilensteinplanung aufgenommen.

Der zweite Baustein sind die bedarfsorientierten Fortbildungen, denn seit Jahren entwickelt und erprobt die DKJS Fortbildungen für den frühkindlichen und Elementarbereich und hat die Erfahrung gemacht, die thematischen Bedarfe der beteiligten Einrichtungen  zu berücksichtigen und lokale und landesweite Ansprechpartner und Spezialisten als Referenten einzubeziehen.

Der dritte Baustein ist das jährlich stattfindende sachsenweite Netzwerktreffen. Hier werden die aktuellen Entwicklungen aus den Einrichtungen gebündelt und reflektiert. Neben einem fachlichen Schwerpunktthema als Input kommt es zum einrichtungsübergreifenden Fachaustausch und zur Praxisreflexion. Wichtig ist es uns hier, dass landesweite Ansprechpartner und fachliche Experten zu den Themen interkulturelle Kompetenzen, vorurteilsbewusste Erziehung und Bildung, sowie Diversity- und Netzwerkmanagement  in die Durchführung einbezogen werden.

Ein sich entwickelnder vierter Baustein ist der Aufbau von Unterstützungsnetzwerken vor Ort. Dieser hat sich als ein wesentlicher Strang des Einrichtungscoaching ergeben und  wird in den aktuellen Programmprozess einbezogen.

k&g: Welche kleinen und großen Handlungsmöglichkeiten im Alltag finden Sie erfahrungsgemäß wichtig im Umgang mit den Kinder und ihren Familien?

Möller: Im Laufe des ersten Programmjahres haben sich folgende Erkenntnisse heraus kristallisiert:

Erstens die Herausforderungen sachlich anzunehmen, die Situationen reflektieren und nach den eigenen und vorhandenen Ressourcen schauen. Hier gilt es die Kompetenzen im Team zu überprüfen und gezielt abzufragen. 

Zweitens ist es wichtig zu reflektieren, wie sehr das Thema Flucht jeden einzelnen auch in seiner Biografie betrifft.

Drittens sollte man sich Zeit nehmen, um erst einmal Vertrauen und Ruhe auszustrahlen, damit die Kinder zum Spielen kommen können. 

Und Viertens  ist es wichtig die Lage der Eltern zu bedenken, denn: für die Kinder  während der Flucht zu sorgen, das System Kita nicht zu kennen und überhaupt ein  anderes Verständnis von Erziehung, Familie und Institutionen zu haben, eingebettet in verschiedenen religiösen und kulturellen Kontexten spielen eine große Rolle und führen auch zu beidseitigen Verunsicherungen. Auf den Ebenen Kind, Eltern und Team sind reflektierende Perspektivwechsel eigentlich grundsätzlich für eine gelingende Erziehungspartnerschaft.

k&g: Was ist das Ziel dieses Projekts?

Möller: Mit Ende 2017 haben sich mindesten 10 Kindertageseinrichtungen systematisch mit interkulturellen Kompetenzen und Ansätzen vorurteilsbewusster Erziehung und Bildung auseinandergesetzt und diese zu einem Qualitätsmerkmal ihrer Einrichtung entwickelt. So dass die Herausforderungen, die bei der Aufnahme von Kinder aus schutzsuchenden Familien für die Kitas pädagogisch handhabbar sind. Des Weiteren sehen wir die WillkommensKITAs als kompetente Ansprechpartner für lokale Integrationsprozesse in Sachsen, in dem sie über Erfahrungen im Aufbau von Unterstützungsnetzwerken und in der Bündnisarbeit verfügen. Mit dem erarbeiteten und zur Verfügung gestellten Materialien und Instrumenten soll der Transfer der Erkenntnisse und Erfahrungen des Programms WillkommensKITAs in andere Kitas als Unterstützungsleistung gewährleistet werden.

k&g: Was empfehlen Sie Erziehern im Umgang mit traumatisierten Flüchtlingskindern?

Möller: Ganz schlicht und einfach: Stellen Sie Sicherheit her. Organisieren Sie Raum und Zeit, damit die Kinder aus schutzsuchenden Familien über das Spielen zur Ruhe kommen und die Kita als einen sicheren Ort entdecken können. Und kommunizieren sie ihre eigenen Unsicherheiten zum Beispiel beim Thema Traumatisierung von Kindern und suchen Sie sich externe Experten als kompetente Partner.

k&g: Ein Wort zum Schluss: Was wünschen Sie sich für die Kitas, die Kinder von Flüchtlingsfamilien aufnehmen?

Möller: Ich wünsche mir, dass alle Kitas die gesellschaftliche, fachliche  und politische Anerkennung  für ihre alltägliche Arbeit bekommen, die ihnen gebührt!

k&g: Vielen Dank für das informative Gespräch!

Zur Person:
Axel Möller, Deutsche Kinder- und Jugendstiftung Regionalstelle Sachsen.
axel.moeller@dkjs.de
Gesprächsführung:
Sibylle Münnich, Redaktion klein&groß, Augsburg.


 

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