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Die Aachener U3-Studie

09.01.2017 Kommentare (1)

Qualität der frühkindlichen Bildung: Ein aktuelles Thema

719.558 Kinder unter 3 Jahren werden aktuell in Kitas oder bei Tagesmüttern betreut, dies entspricht 32,7% aller Kinder unter 3 Jahren. In einem beispiellosen Kraftakt wurden in den letzten 10 Jahren mehr als 400.000 zusätzliche Plätze für U3-Kinder in Kitas geschaffen. Seit dem 01.08.2013 gibt es einen Rechtsanspruch auf Betreuung ab dem ersten Lebensjahr. Studien lassen zwar den Schluss zu, dass der Betreuungsbedarf für unter Dreijährige inzwischen annähernd gedeckt ist. Doch die pädagogische Qualität hinkt vielen Einrichtungen hinterher. Vor diesem Hintergrund hat Familienministerin Manuela Schwesig jüngst eine „Qualitätsoffensive“ im Kita-Bereich angekündigt.

Die U3-Studie der KatHO NRW Aachen

  • Titel: „Zur aktuellen Betreuungspraxis für unter 3-Jährige in Kindergärten und Kitas“
  • Leitung: Prof. Dr. Johannes Jungbauer, Professor für Entwicklungs- und Familienpsychologie an der Kath. Hochschule NRW in Aachen
  • Es wurden 471 pädagogische Fachkräfte (2/3 davon Erzieherinnen) aus dem gesamten Bundesgebiet befragt, die den Arbeitsalltag mit unter 3-Jährigen gut kennen; per Online-Fragebogen wurden sowohl die konkreten Bedingungen der U3-Betreuung als auch die persönlichen Erfahrungen und Meinungen der Befragten erfasst.
    • Ferner gab es die Möglichkeit zu persönlichen Anmerkungen und Kommentaren.
    • Der Abschlussbericht ist als pdf verfügbar unter www.AachenerU3-Studie.de

Zentrale Ergebnisse

  • Die Befragten zeichnen insgesamt ein positives Bild ihrer Berufspraxis.
  • 81,1% gaben an, dass ihnen die Arbeit mit unter 3-jährigen Kindern besonders viel Freude mache. Zugleich waren 62% der Meinung, dass die Betreuung von U3-Kindern deutlich anspruchsvoller und anstrengender sei als die älterer Kinder.
  • Die räumlichen und materiellen Rahmenbedingungen werden überwiegend (wenn auch nicht immer) positiv beurteilt. Die Relation von Kindern pro Erzieherin entspricht dem in anderen aktuellen Studien ermittelten Betreuungsschlüssel.
  • Die Ergebnisse der Studie stehen im Einklang mit dem 5. Bericht zur Evaluation des Kinderförderungsgesetzes (KiföG), der eine positive Entwicklung der Betreuungspraxis für Kinder unter drei Jahren belegt, z.B. im Hinblick auf Anzahl der verfügbaren Betreuungsplätze, die Ausstattung, die räumlichen Bedingungen und den Betreuungsschlüssel
  • Andererseits zeigt die Studie, dass es in einigen Bereichen deutlichen Verbesserungsbedarf gibt. Die Gruppengröße und der Betreuungsschlüssel werden vielfach als unzureichend beurteilt, um eine gute Betreuungsqualität gewährleisten zu können. In vielen Kitas sind z.B. eine bessere Personalausstattung und kleinere Gruppen notwendig, um mehr Zeit für Pflegetätigkeiten und altersgerechte Bildungsangebote zu haben.
  • Die Eingewöhnung wird in vielen Einrichtungen eher intuitiv als nach wissenschaftlich fundierten Konzepten (z.B. Berliner Modell) durchgeführt.
  • Unter den aktuellen Bedingungen wären nur 45,1% der U3-Erzieherinnen ohne Bedenken bereit, ihr eigenes Kind bereits in diesem Alter in einer Kita betreuen zu lassen. Viele halten die Betreuung durch eine Tagesmutter in diesem Alter für besser.
  • Die Vorbereitung auf die die Arbeit mit unter 3-Jährigen durch die Erzieherinnenausbildung wird als deutlich unzureichend bewertet.
    • Die meisten Befragten hatten an spezifischen U3-Fortbildungen teilgenommen. Allerdings wirkt sich dies oft kaum in der alltäglichen Arbeit aus. Am ehesten gelingt ein Praxistransfer, wenn ganze Teams an Fortbildungen oder Schulungen teilnehmen.

Schlussfolgerungen

  • In vielen Einrichtungen sind eine bessere Personalausstattung und kleinere Gruppen notwendig, um den Bedürfnissen der unter 3-jährigen Kinder gerecht werden zu können.
  • Auch die Raumausstattung sollte noch konsequenter auf die Erfordernisse der U3-Betreuung ausgerichtet werden.
  • Bei der Eingewöhnung unter 3-jähriger Kinder sollte die Anwendung wissenschaftlich evaluierter Konzepte (z.B. Berliner Eingewöhnungs-Modell) verbindlicher Standard für alle Einrichtungen sein.
  • Empfehlenswert ist eine Anpassung der Lehrinhalte und der Curricula in den sozialpädagogischen Fachschulen und Fachhochschulen an die Entwicklungen in der Praxis. Um Erzieherinnen adäquat für die Betreuung unter 3-jähriger Kinder zu befähigen, müssen bereits in der Berufsausbildung U3-spezifische Kompetenzen und Fachkenntnisse vermittelt werden, z.B. zu Eingewöhnung, bindungssensitiver Beziehungsgestaltung und partnerschaftlicher Elternarbeit.
  • Grundsätzliche Überlegung für die Erzieherinnenausbildung: Basisausbildung und anschließende Spezialisierung nach Altersstufen statt „Breitbandausbildung“.
  • Spezielle U3-Schulungen und Inhouse-Fortbildungen sollten vor allem für Gesamtteams realisiert werden, um einen besseren Praxistransfer zu gewährleisten.

Kontakt:
Prof. Dr. Johannes Jungbauer
Kath. Hochschule NRW / Aachen
j.jungbauer@katho-nrw.de

 

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Kommentare (1)

  • Dr. Ulrich Frischenschlager-Rempe:
    09.03.2017 um 18:10 Uhr

    Eine offenbar weit verbreitete Praxis in etlichen EInrichtungen in Baden-Württemberg ist
    a) die Mischung von Gruppen ( U3 bis 6Jahre) ohne reflektiertes pädagogisches Konzept und
    b) die Gestaltung der Beschäftigungsverhältnisse nach den Bedürfnissen von Teilzeitkräften (zwischen 20 und 100%),
    hingegen nicht nach den Bedürfnissen der Kinder.
    "Frühe Bindung" scheint manchmal kein nennenwertes Thema zu sein, und die frühere (ebenfalls unreflektierte) verbreitete EInstellung "Kinder unter 3 gehören zur Mutter!" und "Krippenerziehung ist eigentlich ein kommunistisches DDR- Modell" scheint ohne jede Diskussion völlig in Vergessenheut geraten zu sein ... Pädagogisches Nachdenken wäre wünschenswert...

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